Der Artikel untersucht die Anwendung von Augusto Boals Forumtheater als dramaturgischen Ansatz zur Behandlung kontroverser Themen im norwegischen Religionsunterricht (KRLE). Ausgehend von der kritischen Pädagogik Paulo Freires wird analysiert, wie dieses ursprünglich in 1970er-Brasilien unter Militärdiktatur entwickelte Theaterformat in einem demokratischen Wohlfahrtsstaat genutzt werden kann. Die Forschung basiert auf einem Aktionsforschungsprojekt an einer Osloer Sekundarschule (Frühling 2020) mit drei Religionslehrern und 71 Schülern der 10. Klasse. Zunächst identifizierten die Schüler durch schriftliche Aufgaben (basierend auf Freires Konzept der „generativen Themen") lokale Kontroversen: (1) Verwendung abwertender Begriffe, (2) religiöse Überzeugungen versus Atheismus, (3) abwertende Reden über religiöse Überzeugungen anderer. Die Forschung folgte drei Zyklen mit jeweils fünf Phasen: Planung, Probenarbeit mit Schülerakteuren, Aufführungen, Beobachtung und Reflexion. Im Forumtheater werden kontroverse Szenen zunächst aufgeführt und dann mit Publikumsbeteiligung wiederholt. Die Schüler werden zu „Spect-Akteuren", die Interventionen durchführen können, um alternative Lösungen zu testen. Ein „Joker" (Lehrer) stellt Reflexionsfragen. Die Analyse zeigt, dass Forumtheater durch „dramaturgische Distanz" einen sicheren Raum schafft, in dem Schüler kontroverse Fragen mit niedriger Konflikt- und Expositionsrisiko erforschen können. Die Schüler berichten von gestärkten Fähigkeiten im Umgang mit Meinungsverschiedenheiten, moralischen Reflexionen, Perspektivenübernahme und kritischem Denken. Kritisch wird jedoch analysiert, dass in demokratischen Wohlfahrtsstaaten die Grenzen zwischen Unterdrücker und Unterdrückten verschwommen sind. Dies birgt das Risiko, dass Forum-Theatre (1) marginalisierte Schüler unbeabsichtigt entmachtet, wenn keine Unterstützer für unterdrückte Protagonisten eintreten; (2) Ausgrenzung auf individuelle Versäumnisse reduziert statt strukturelle Probleme zu adressieren; (3) neoliberale Logiken verstärkt. Die Studie empfiehlt, theoretisches Rüstzeug zu vermitteln, das Schüler hilft, Mikro-Situationen mit Makrostrukturen zu verbinden, um echte kritische Bewusstseinsentwicklung zu ermöglichen.