Georg Langenhorst untersucht in seinem Artikel die Potenziale und Schwierigkeiten von Besuchen in religiösen Kulträumen für interreligiöses Lernen. Er geht von der Annahme aus, dass authentische Begegnungen mit Räumen, Gegenständen und Menschen an den Kernorten ihrer religiösen Praxis Empathie und gegenseitiges Verständnis fördern können. Allerdings basiert diese Theorie auf Voraussetzungen, die bislang kaum überprüft wurden. Der Artikel analysiert zunächst den Begriff der Sakralraumpädagogik, der ursprünglich auf Kirchen beschränkt war und sich erst in den letzten Jahren auf andere Religionen ausgedehnt hat. Langenhorst unterscheidet zwischen Synagogenpädagogik und Moscheepädagogik und arbeitet heraus, dass diese Begriffe nicht deckungsgleich mit dem christlichen Verständnis von geheiligten Räumen sind. Für das Judentum ist die Synagoge primär ein Ort des Lernens und der Versammlung, für den Islam ist die Moschee ein Ort des gemeinschaftlichen Gebets, ohne dass diese Räume im selben Sinne als heilig gelten wie Kirchen im Christentum. Eine zentrale Herausforderung ergibt sich aus der „Erkundungspädagogik", die es Schülern erlauben soll, Räume selbstbestimmt zu erkunden. Dies funktioniert in Kirchen nach Absprachen auch für verschiedene Gruppen, ist aber in Synagogen und Moscheen meist nicht möglich. Hinzu kommt, dass in Deutschland aufgrund der Shoah nur wenige aktiv genutzte Synagogen existieren und deren Verantwortliche oft mit zahlreichen Besuchswünschen überlastet sind. Der Autor führt dann eine systematische Analyse deutscher Lehrpläne durch und stellt fest, dass der Besuch von Moscheen und Synagogen inzwischen in vielen Bundesländern als Teil des Religionsunterrichts vorgesehen ist – allerdings oft ohne konkrete Operationalisierung. In den konfessionellen Religionslehrplänen (evangelisch und katholisch) finden sich entsprechende Hinweise, ebenso in neu konzipierten Lehrplänen für islamischen Religionsunterricht. Jüdischer Religionsunterricht hingegen enthält bislang kaum explizite Hinweise auf interreligiöse Kultraumbesuche. Langenhorst identifiziert mehrere Konsequenzen: Erstens sollten Moscheen- und Synagogenbesuche flächendeckend als Bestandteil des Religionsunterrichts in der Sekundarstufe verankert werden. Zweitens sollten Lehrpläne konkrete Unterrichtsgänge vorschlagen, nicht nur vage „Beschäftigungen". Drittens wird eine gegenseitige Neugierde aller drei Religionen aufeinander gefordert, um einseitige Besuchsprogramme zu vermeiden. Die pädagogischen Rahmenbedingungen – Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung – bleiben in den Lehrplänen oft ungeklärt. Der Artikel betont, dass eine Didaktik der Begegnung mit Kulträumen anderer Religionen noch in den Anfängen liegt. Es geht nicht primär um Geschichte, Architektur oder freie Erkundung, sondern um die Konzentration auf die heute in diesen Räumen gelebte und praktizierte Religion. Offene Fragen betreffen konkrete Kompetenzen, messbare Lernfortschritte und die Gestaltung verständnisfördernder Erkenntnisprozesse, die auch Befremdungen einbeziehen.