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Religionspädagogische BeiträgeJoachim Theis

Religionspädagogische Beiträge,

Joachim Theis

„... zerriss seinen Mantel entzwei, um den Mann zu wärmen..."

Veröffentlichung:1.5.2019

Der Artikel von Joachim Theis untersucht, wie konstruktivistische Erkenntnisse das Verstehen und Auslegen biblischer Texte grundlegend verändern. Ausgangspunkt ist eine verfremdet wiedergegebene Version des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, die zeigt: Leser konstruieren aktiv Sinn, statt Texte passiv zu empfangen. Gestützt auf Konstruktivismus und Rezeptionsästhetik belegt Theis, dass Bedeutung nicht im Text selbst liegt, sondern im Wechselspiel zwischen Text und Leser entsteht. Eine empirische Studie mit 1048 Schülerinnen und Schülern zur Rezeption von Lk 10,25–37 untermauert dies: Wiedergaben weichen erheblich vom lukanischen Originaltext ab und orientieren sich stark an bekannten Erzählstrukturen sowie eigenem Vorwissen. Daraus zieht Theis bibeldidaktische Konsequenzen: Biblisches Lernen ist ein aktiver, selbstgesteuerter, konstruktiver, situativer und sozialer Prozess. Die Bibeldidaktik muss die Erfahrungen, das Vorwissen und den kulturellen Kontext der Lernenden ernst nehmen, Identifikationsprozesse mit Erzählfiguren ermöglichen, emotionale Codes im Text aktivieren und Bibelverstehen als offenen, dialogischen Prozess der Sinnfindung gestalten.

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Der Beitrag von Joachim Theis verbindet konstruktivistische Theorie mit empirischer Rezeptionsforschung und leitet daraus weitreichende Konsequenzen für die Bibeldidaktik ab. Der provokante Einstieg – eine Nacherzählung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter, in der der Samariter seinen Mantel zerreißt, um den Verletzten zu wärmen – macht das Kernanliegen sofort anschaulich: Was Menschen in biblischen Texten wahrnehmen und behalten, weicht erheblich vom Textbefund ab, ohne dass dies schlicht als „falsch" abgetan werden darf. Der Konstruktivismus, mit Wurzeln bei Demokrit und Thomas von Aquin und ausgebaut in der modernen Gehirnforschung, geht davon aus, dass Erkenntnis keine objektive Abbildung der Wirklichkeit ist, sondern stets eine konstruierte, gefilterte Version. Übertragen auf die Rezeptionsästhetik bedeutet dies: Leserinnen und Leser sind keine passiven Empfänger, sondern aktive Produzenten von Bedeutungspotentialen. Texte „übermitteln" nicht, sie orientieren. Eine empirische Studie zur Rezeption von Lk 10,25–37 durch 1048 Schülerinnen und Schüler belegt eindrücklich, dass die Probanden den Text primär in seiner ethischen Dimension wahrnehmen, Rahmenerzählung und Intertextualität kaum konstruieren und den Text gattungstypisch als Märchen einordnen. Je geringer das biblische Vorwissen, desto stärker werden Leerstellen durch eigene Konstruktionen gefüllt, mitunter fehlerhaft. Die Macht des Lesers, die Macht des Werkes, die Macht der Erfahrung und die Macht des Wissens bilden vier zusammenwirkende Pole im Verstehensprozess. Bibeldidaktisch folgt daraus: Bibelverstehen ist Sinnfindung, nicht Sinnentschlüsselung. Es ist aktiver, selbstgesteuerter, konstruktiver, situativer und sozialer Prozess zugleich. Lehrende sind Anwälte des Textes und müssen fehlerhafte Auslegungen kritisch hinterfragen, ohne einen einheitlichen Textsinn erzwingen zu wollen. Identifikationsprozesse mit Erzählfiguren, emotionale Codes und die narrative Kraft von Geschichten bilden zentrale didaktische Figuren einer Bibeldidaktik als Ermöglichungsdidaktik, die tief verankerte und nachhaltige Lerneffekte erzeugt.

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