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Paul Platzbecker Religionspädagogische Beiträge

Paul Platzbecker ,

Religionspädagogische Beiträge

Der konfessionell-kooperative Religionsunterricht in NRW

Veröffentlichung:1.5.2019

Der Artikel untersucht die Einführung des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts (koko RU) in Nordrhein-Westfalen ab dem Schuljahr 2018/19. Platzbecker analysiert die religionsdemographischen Hintergründe, theologischen Grundlagen, didaktischen Herausforderungen sowie die Rolle der beteiligten Akteure (Schüler/-innen und Lehrende) und bewertet die Zukunftsfähigkeit dieses Modells kritisch.

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Paul Platzbecker untersucht in seinem Artikel die Einführung des konfessionell-kooperativen Religionsunterrichts (koko RU) in Nordrhein-Westfalen, die ab dem Schuljahr 2018/19 möglich wurde. Der Artikel geht der Frage nach, ob dies ein zukunftsfähiges Modell oder nur eine Notstandsmaßnahme darstellt. Als Hintergrund analysiert Platzbecker zunächst die religionsdemographische Situation: Zwischen 2005 und 2016 sank die Zahl der katholischen Schüler/-innen um 27,82%, der evangelischen um 29,27%, während die Zahl muslimischer Schüler/-innen um 30,66% und konfessionsloser um 33,22% stieg. Diese Entwicklung führt dazu, dass parallel unterrichteter konfessioneller Religionsunterricht in vielen Schulen nicht mehr möglich ist. Die Einführung des koko RU basiert auf bilateralen Vereinbarungen zwischen den Diözesen und Landeskirchen sowie auf kirchlichen Positionspapieren (Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz 2016, EKD 2018), die theologische Grundlagen, religionspädagogische Empfehlungen und Standards für eine erweiterte Kooperation formulieren. Der koko RU ist eine Organisationsform des konfessionellen Religionsunterrichts, bei der Schüler/-innen beider Konfessionen gemeinsam unterrichtet werden mit obligatorischem Fachlehrerwechsel pro Doppeljahrgang. Bezüglich der Zielsetzungen werden zwei Perspektiven unterschieden: Das katholische Positionspapier verbindet ‚Sicherung' und ‚Qualitätsentwicklung' des RU, während die EKD ein „verantwortliches Miteinander von Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Religionen, Konfessionen und Weltanschauungen" anstrebt. Bildungstheoretisch und theologisch lässt sich dies durch das Konzept der „transparenten Positionalität" begründen – eine für andere erkennbare konfessionelle Position, die im offenen Dialog entwickelt wird. Die didaktische Umsetzung folgt drei Kategorien von Unterrichtsvorhaben: (1) solche mit grundlegenden Gemeinsamkeiten, (2) solche mit Unterschieden (mit Fachlehrerwechsel), (3) solche mit unterschiedlichen konfessionellen Akzentuierungen. Die Didaktik der Perspektivenverschränkung, die Elementarisierung, Metakognition und Differenzsensibilität einbezieht, wird als zentrales Konzept entwickelt. Platzbecker identifiziert jedoch mehrere kritische Anfragen: (1) Das implizite Ökumeneverständnis ist noch nicht ausreichend reflektiert – unklar bleibt, welche Ökumenekonzeption (Rückkehr, Profile, Gaben, Dialog) zugrunde liegt. (2) Zwischen den Konfessionen bestehen noch „versteckte Differenzen" in Didaktik und Methodik (z.B. Elementarisierung vs. Korrelation, performative Didaktik), die aufgearbeitet werden müssen. (3) Eine dezidierte Didaktik des koko RU fehlt noch. Bezüglich der Akteure weist Platzbecker auf das Problem hin, dass Jugendliche heute eine ungebundene, persönliche Religiosität aufweisen und konfessionelle Unterschiede kaum relevant sind. Die Lehrkräfte sollen laut Bischofspapier als „Experten" mit „konfessorischer Kompetenz" in „konfessioneller Positivität" unterrichten. Jedoch zeigen Studien (Englert) eher eine Tendenz zur „Versachlichung" und zum Moderatorenverständnis. Im Fazit betont Platzbecker, dass der koko RU komplexer und anspruchsvoller ist als der traditionelle konfessionelle RU. Er sei mehr als ein ‚Notnagel' zur Bewältigung demographischer Probleme, aber kein ‚Allheilmittel'. Die Implementation sei zu spät für einige Regionen. Sein Mehrwert liege darin, dass er (1) eine realistische Antwort auf die Vielgestaltigkeit des Christentums bietet und (2) die Schlüsselkompetenz „Differenzkompetenz" anbahnt. Der Autor empfiehlt vertieftere interkonfessionelle Forschung, strukturbezogene und professionstheoretische Überlegungen in allen Phasen der Lehrerbildung sowie mehr kooperative Lehrveranstaltungen.

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