Der Artikel argumentiert für eine Bibeldidaktik, die biblische Texte sowohl als literarische als auch als heilige Schriften versteht. Der Autor plädiert dafür, drei (post)moderne literaturtheoretische Ansätze systematisch in bibeldidaktische Konzepte zu integrieren: die Rezeptionsästhetik, den gemäßigten Dekonstruktivismus und die Intertextualität. Dies ermöglicht eine dreifache Lektüre biblischer Texte, die alle drei Instanzen (Leser, Text, Kontext) gleichgewichtig einbezieht. Die Rezeptionsästhetik wird als Grundpfeiler etabliert, da sie den Leser in den Mittelpunkt stellt. Sie versteht Sinnkonstitution als Zusammenspiel von Textpotential und Leserreaktion. Dabei wird zwischen dem historischen Leser (nach Jauß) und dem impliziten Leser (nach Iser) unterschieden. Für die Bibeldidaktik wird eine Lesart bevorzugt, die dem realen Leser (Schüler/innen) Vorrang gibt, um sie zu eigenen Interpretationen zu ermutigen. Der gemäßigte Dekonstruktivismus trägt dazu bei, die Uneindeutigkeit und inneren Widersprüche biblischer Texte wahrzunehmen. Er sensibilisiert für Details, Brüche und Spannungen im Text und fordert auf, sich der eigenen Lektürevoraussetzungen bewusst zu werden. Dies wird als Korrektiv gegenüber zu einseitig aktualisierenden Lesarten verstanden. Die hermeneutisch-strukturalistische Intertextualitätstheorie schließlich ermöglicht es, biblische Texte in ihrer Verflechtung mit anderen kanonischen Texten zu erschließen. Der biblische Kanon fungiert dabei als Referenzrahmen für die Genese von Sinnzusammenhängen. Der Artikel verdeutlicht sein Konzept ausführlich am Beispiel der Perikope vom barmherzigen Samariter (Lk 10,25–37): Die aktualizierende Lektüre zeigt, wie Schüler/innen individuelle Deutungen entwickeln können. Die aufspürende Lektüre deckt Spannungen auf (z.B. zwischen dem Liebesgebot und der Frage, wer der „Nächste" ist). Die kanonsensible Lektüre verbindet die Perikope mit anderen biblischen Texten und arbeitet heraus, wie die Anordnung mit der Martha-Maria-Geschichte (Lk 10,38–42) zusammenwirkt. Abschließend wird ein Schema präsentiert, das die drei Lektüremodi, ihre Charakteristika, die jeweils zentrale Instanz und den zugrunde liegenden literaturtheoretischen Ansatz zusammenfasst. Das Konzept beansprucht nicht, alle Theorieelemente einer zeitgemäßen Bibeldidaktik zu erfassen, setzt aber einen verbindlichen Mindeststandard.