Der Artikel behandelt die Verbindung von Geschlecht und religiös motiviertem Hilfehandeln im Kontext diakonischen Lernens. Ulrike Witten argumentiert, dass historisch gewachsene und kulturell wirkende Geschlechterstereotype eine Kultur des Helfens prägen und sich besonders in biografischen Darstellungen zeigen. Die Autorin zeigt empirisch auf, dass männliche und weibliche Heranwachsende diakonisches Lernen unterschiedlich erfahren: Während Jungen vom diakonischen Profil profitieren, weil es ihren Rollenerwartungen entspricht, wird es für Mädchen eher als Alternativlosigkeit wahrgenommen. Dies liegt daran, dass prosoziales Verhalten kulturell dem weiblichen Geschlecht zugeschrieben wird. Die Autorin identifiziert historische Stereotype wie Mütterlichkeit, Demut, Selbstaufopferung und Dienstbereitschaft, die speziell für Frauen in der Diakonie als Leitbilder entworfen wurden, aber heute pädagogisch problematisch sind. Sie plädiert für kirchengeschichtsdidaktisches Arbeiten mit Quellen zur De- und Rekonstruktion dieser Stereotype. In der Analyse aktueller Unterrichtsmaterialien zeigt sich, dass eine geschlechtersensible Betrachtung nur teilweise erfolgt. Die Autorin entwickelt sieben religionspädagogische Implikationen: (1) Geschlechtsspezifische Stereotype sichtbar machen und dekonstruieren, (2) Quellenarbeit einsetzen, (3) biografisches Lernen mit kritischer Auseinandersetzung verbinden, (4) Bezüge zum eigenen Leben herstellen, (5) Rezeptionsgeschichte beachten, (6) Geschlecht nicht als natürliche Kategorie essentialisieren, und (7) Betreuer/-innen in eine mentorierende Funktion einbeziehen.