Der Autor argumentiert in diesem Beitrag zur komparativen Theologie für eine grundlegende Neuausrichtung des interreligiösen Dialogs an Hochschulen. Basierend auf empirischen Forschungsergebnissen identifiziert er drei zentrale Entwicklungsmöglichkeiten: Erstens sollten universitäre Begegnungen zwischen Theologien stärker dazu genutzt werden, Studierende zu eigenen begründeten Positionierungen herauszufordern. Zweitens muss der interreligiöse Dialog als Instrument ausgebaut werden, das religiöse Positionen nicht nur verständlich macht, sondern sie diskursiv miteinander verwebt. Drittens sollte Dialog systematisch dazu ermutigen, von Unterschieden zu lernen und die eigene Position weiterzuentwickeln.
Im Zentrum steht das Konzept der „reflektierten Positionalität" – die Fähigkeit, religiöse Überzeugungen bewusst, diskursiv begründet und in kritischer Auseinandersetzung mit anderen Perspektiven zu vertreten. Der Autor unterscheidet dabei zwischen „konfessioneller" und „konfessorischer" Theologie, um zu verdeutlichen, dass auch Menschen ohne formale Bekenntniszugehörigkeit zur Positionierung herausgefordert sind. Dies ist ihm zufolge für die Stabilität demokratischer Gesellschaften essentiell, besonders angesichts aufstrebender religiöser Fundamentalismen und rechtsextremistischer Tendenzen.
Die empirischen Daten offenbaren allerdings ein unbefridigendes Bild: An Universitäten dominiert eine weltanschaulich neutrale, religionskundliche Instruktion, oft kombiniert mit abstrakten Dialogen, ohne dass echte Begegnungen mit Andersglaubenden oder eigenständige Positionierungsleistungen der Studierenden stattfinden. Diese Entkopplung von Dialog und echter Positionierung verkennt, dass religiöse Traditionen – sowohl Islam als auch Christentum – ihrem Wesen nach diskursiv verfasst sind. Der gesellschaftliche Druck, in Religionsfragen neutral zu bleiben, führt paradoxerweise dazu, dass die Substanz konfessorischer Theologie erodiert und die notwendige Einübung reflektierter Positionalität unterbleibt – genau jene Fähigkeit, die für einen konstruktiven Umgang mit Andersheit zentral ist.