Wenn religionspädagogische Programme zu komplex werden, weicht die schulische Praxis aus – oft unbewusst. Der Beitrag analysiert diesen Mechanismus systemtheoretisch am Beispiel konfessioneller, konfessionell-kooperativer und pluralitätsorientierter Religionsunterrichtsmodelle. Die zentrale These: Das System Unterricht kann nur ein bestimmtes Maß an Komplexität verarbeiten. Steigen die programmatischen Anforderungen – etwa durch religiöse Pluralisierung und Subjektorientierung – über dieses Maß hinaus, bildet die schulische Praxis Praktiken aus, die diese Komplexität reduzieren und die Programmatik unterlaufen. Der Autor identifiziert dabei bemerkenswert verschiedene Strategien: Während die Religionsdidaktik Differenzierung, Verschränkung und Inklusion fordert, beobachtet man in der Praxis eher Homogenisierung, Entkopplung und Exklusion. Das Besondere: Komplexitätsreduktion erfolgt nicht nur an erwartbaren Stellen (fehlender Lehrplanbezug), sondern auch an überraschenden Orten und oft ohne Bewusstsein der Beteiligten. Der Beitrag plädiert für größere „Komplexitätssensibilität" – nicht als Kritik an der Praxis, sondern als Einsicht, dass Programmatik unrealistische Erwartungen stellen kann. Durch mehr Transparenz über diese Mechanismen könnte Komplexitätsreduktion gezielter gesteuert werden, statt sie zu verdrängen oder zu moralisieren.