Das Berufungsempfinden von Lehrkräften – ihr Gefühl, „berufen" zu sein – wird in der internationalen Forschung mit erheblichen positiven Effekten auf Gesundheit und professionelle Qualität verbunden. Während diese Zusammenhänge im englischsprachigen Raum intensiv untersucht werden, klafft im deutschen Sprachraum ein erhebliches Forschungsdefizit. Der vorliegende Beitrag schließt diese Lücke durch eine empirische Untersuchung bei 217 Lehrkräften eines evangelikal orientierten Schulverbundes – einer Gruppe, bei der das religiöse Berufungsverständnis besonders verbreitet ist. Die Studie verbindet dabei zwei Perspektiven: Sie nutzt arbeitspsychologische Konzepte des „sense of calling" aus internationaler Forschung und kontextualisiert diese durch die theologische Tradition evangelischen Berufungsverständnisses. Die Analysen zweier Mitarbeiterbefragungen belegen erstens die hohe Verbreitung einer religiös fundierten Berufungsüberzeugung in dieser Schulgruppe und zeigen zweitens positive Zusammenhänge mit der Arbeits- und Lebenszufriedenheit der beteiligten Lehrkräfte. Der Befund trägt damit zur Diskussion bei, ob und unter welchen Bedingungen das Erleben einer beruflichen Berufung tatsächlich zu den in internationalen Studien dokumentierten positiven Effekten führt, oder ob – wie skeptische deutsche Stimmen suggerieren – damit auch Risiken wie Überengagement und erhöhte Burn-out-Gefährdung einhergehen. Der Artikel leistet damit einen ersten bescheidenen, aber systematischen Beitrag zur Erschließung dieser Frage für den deutschsprachigen Kontext.