Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW) hat sich intensiv mit der Herausforderung der wachsenden Konfessionslosigkeit auseinandergesetzt. Ihre Broschüre „Verbindungen knüpfen – Bindungen stärken" von 2019 setzte einen breiten innerkirchlichen Diskurs in Gang, der zeigt: Während die Bildungsbereiche der Kirche die Herausforderung aktiv aufgreifen, bleibt sie in anderen Handlungsfeldern und besonders in der Gemeindepastoral oft unzureichend reflektiert. Der Artikel vollzieht eine kritische Relektüre des EKD-Grundlagentextes und diagnostiziert ein zentrales Problem: Viele Kirchengemeinden erwarten von Konfessionslosen Anpassungsleistungen, statt selbst ihre Strukturen, Inhalte und Haltungen grundlegend zu verändern. Die vermeintliche Offenheit gegenüber allen Menschen bleibt oberflächlich, wenn sie nicht mit einer echten Neuausrichtung von Angeboten und einer Haltungsveränderung auf Seiten der kirchlichen Akteure verbunden ist. Der Autor plädiert für eine Differenzierung und Profilierung der gemeindlichen Arbeit, größere Zuständigkeitsgebiete und arbeitsteiliges Handeln – eine Mühsal besonders im ländlich strukturierten Raum. Zentral ist die Frage, wie pastorale, diakonische und seelsorgerische Handeln „bildsam" gestaltet werden kann, ohne dabei Konfessionslose zu vereinnahmen. Das Papier verdeutlicht: Echte Kirche im Zeichen des „ecclesia semper reformanda" erfordert nicht nur Strukturreformen, sondern eine tiefe Transformation evangelischen Selbstverständnisses und kirchlicher Kultur.