Die Frage, ob der „Verlust der Mitte" ein prägendes religionspädagogisches Narrativ darstellt, wird in diesem Beitrag kritisch hinterfragt – insbesondere mit Blick auf Lehramtsstudierende. Der Autor beginnt mit einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber dem Begriff des Narrativs selbst: Als sozialwissenschaftliches Modewort beschreibt es zwar sinnstiftende Erzählungen, die neben kognitiven auch emotionale Dimensionen enthalten, doch bleibt unklar, ob die These vom Verlust der Mitte eine wissenschaftliche Hypothese, eine Alltagstheorie oder nur ein wissenschaftlich verbrämtes Vorurteil ist. Bei der Anwendung auf Gesellschaft und Kirche zeigen sich weitere Widersprüche: Während sich die Gesellschaft tatsächlich ausdifferenziert, beanspruchen alle relevanten politischen Akteure dennoch, in der Mitte angesiedelt zu sein. Noch problematischer erscheint die Anwendung auf kirchliche Räume, wo der Autor eine gegenteilige Wahrnehmung hat – Kirchen wirken ihm nach wie vor zu sehr mittelschichtsorientiert und abgekoppelt von gesellschaftlichen Leitmilieus und prekären Randgruppen. Der Blick auf Lehramtsstudierende verschärft diese Skepsis weiter. Empirische Studien zeigen, dass Lehramtsstudierende eher durchschnittliche Abiturientinnen und Abiturienten sind, regional verwurzelt bleiben, leistungsorientiert sind und sich mehrheitlich als bürgerlich-liberal positionieren – also gerade nicht als Repräsentanten eines Verlusts der Mitte. Der Beitrag dekonstruiert daraufhin zentrale Narrative über Theologiestudierende: die Vorstellung, dass Theologie als leichtes Fach gewählt wird; die These einer fehlenden religiösen Sozialisation; und die Behauptung einer zunehmenden evangelikalen oder charismatischen Orientierung. Durch die Auseinandersetzung mit empirischen Daten wird deutlich, dass sowohl die globale These vom Verlust der Mitte als auch ihre Konkretisierung auf Studierende fragwürdig bleiben.