Der Beitrag untersucht die Spannung zwischen verschiedenen „Mitten" im Religionsunterricht und deren Wahrnehmung durch Schüler*innen. Der Autor differenziert methodisch zwischen einer Außenperspektive (Lerngruppenzusammensetzung) und einer Binnenperspektive (Schüler*innensicht auf das Fach) und zeigt damit, wie sich konstruierte Mitte/n zu Schüler*innenperspektiven verhalten.
Aus der Außenperspektive werden zwei gegenläufige Entwicklungen sichtbar: Während in manchen Bundesländern konfessionell-kooperative oder klassische Modelle zu einer religionssoziologischen Abbildung der Gesellschaft führen, konzentrieren sich in anderen Regionen die Lerngruppen stärker auf kirchlich gebundene Schüler*innen. Diese Bewegungen sind Folgen tiefgreifender religionssoziologischer Transformationsprozesse und stellen die Frage, von welcher Mitte aus diese Veränderungen betrachtet werden sollen – einer gesellschaftlichen oder einer kirchlichen.
Die Binnenperspektive arbeitet mit empirischen Daten aus bayerischen und rheinland-pfälzischen Schüler*innenstudien. Sie zeigt, dass die Motivation zum Besuch des Religionsunterrichts über alle Schularten hinweg relativ stabil und leicht höher als die allgemeine Schulmotivation ist. Besonders aufschlussreich ist die fächerübergreifende Wahrnehmung: Schüler*innen nehmen Religion klar als Nebenfach wahr – mit niedrigerem Anforderungsniveau und weniger Notenrelevanz als Mathematik und Deutsch. Allerdings wird Religionsunterricht bei Grundschüler*innen und Gymnasiast*innen als das interessanteste der abgefragten Fächer bewertet.
Bei der inhaltlichen Ausrichtung zeigt sich eine Polarisierung: Während etwa die Hälfte der Sekundarschüler*innen der Bibel Bedeutung für ihr Leben zuschreibt (gegenüber 75% in älteren Studien), ordnet sich die große Mehrheit der Grundschüler*innen biblischen Geschichten zu. Die zentrale Erkenntnis des Beitrags lautet, dass die Mehrheit der Schüler*innen das Fach als „schulisch gemittet" wahrnimmt – also als in die Schullogik integriert – ohne dass diese Perspektive bislang ausreichend in religionspädagogische Zukunftsdebatten einfliesst. Dies stellt eine vernachlässigte Schüler*innenperspektive dar, die religionspädagogisch ernst genommen werden muss.