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Interreligiöses Lernen im französischen Religionsunterricht – eine kritische Betrachtung der Gesamtkonstellation mit dem Fokus auf schulische Unterrichtsmaterialien der Region Elsass-Lothringen

Veröffentlichung:1.5.2026

Frankreich verbietet Religion in der Schule – außer in drei Departements. Eine kritische Analyse der protestantischen Unterrichtsmaterialien dort zeigt: Wie offen ist konfessioneller Unterricht für religiöse Vielfalt in einer pluralen Gesellschaft?

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Frankreich nimmt in der europäischen Religionspädagogik eine Sonderposition ein. Während Deutschland konfessionellen Religionsunterricht in der Verfassung verankert hat, organisiert sich die Französische Republik streng laizistisch – mit einer bemerkenswerten Ausnahme: In den drei Departements Haut-Rhin, Bas-Rhin und Moselle (Elsass-Lothringen) wird konfessioneller protestantischer Religionsunterricht erteilt. Dieser historische Sonderfall ist Gegenstand einer kritischen Analyse, die der Frage nachgeht, wie pluralitätsfähig diese Unterrichtsmaterialien sind. Der Artikel beleuchtet zunächst die tiefe historische Verwurzelung von Religion in der französischen Nationalgeschichte – von den Religionskriegen des 16. Jahrhunderts über die Bartholomäusnacht bis zur Französischen Revolution, die das christliche Selbstverständnis der Nation „jäh und massiv" beendete. Daraus erwuchs das französische Laizitätsprinzip, das Religion als Privatangelegenheit behandelt und sie aus dem öffentlichen Raum verbannt. Doch diese scheinbare Neutralität wird zunehmend hinterfragt: Ist der französische Laizismus wirklich so neutral, oder verbirgt sich dahinter eine versteckte katholische Dominanz durch historisch gewachsene Strukturen wie die Ausrichtung von Feiertagen und Schulferien? Besonders brisant wird die Debatte im Kontext wachsender religiöser Pluralität und aktueller gesellschaftspolitischer Entwicklungen. Die sogenannte Kommunitarismus-Debatte zeigt, wie intensiv in Frankreich die Angst vor gesellschaftlicher Fragmentierung durch religiöse und kulturelle Identitätsgruppen diskutiert wird – eine Angst, die in jüngeren politischen Kampagnen gezielt instrumentalisiert worden ist. Hier offenbart sich die zentrale Herausforderung: Wie können Bildungsinstitutionen mit dieser Pluralität umgehen, ohne das republikanische Zusammengehörigkeitsprinzip zu gefährden? Die Analyse der Schulmaterialien der Union des Églises protestantes d'Alsace et de Lorraine (UEPAL) für die sechste Klasse untersucht genau diese Frage empirisch. Sie prüft, wie andere Religionen dargestellt werden und welche pädagogischen Impulse für interreligiöses Lernen gesetzt werden. Dies ist nicht nur eine akademische Frage, sondern eine praktische: Kann ein konfessionell geprägter Unterricht in einem laizistischen Kontext gleichzeitig offen für religiöse Vielfalt sein? Die Antwort könnte aufschlussreich sein für beide Länder – für Frankreich bei der Neuverhandlung seiner Laizität und für Deutschland bei der Debatte um pluralitätsgerechte religiöse Bildung.

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