Emotionen spielen in religionspädagogischen Lernprozessen eine untergeordnete Rolle – obwohl sie ein konstitutiver Bestandteil von Religion und Religiosität sind. Diese Forschungslücke adressiert eine qualitative Studie, die mittels 40 Tiefeninterviews die Emotionen von Schüler:innen zum Themenkomplex „Schöpfung und Evolution" untersucht. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Während die Vorstellung, von Gott geschaffen zu sein, sowie das naturwissenschaftliche Beweisprinzip intensive Emotionen auslösen, sind biblische Schöpfungserzählungen und die Vorstellung der Welt als Schöpfung emotional gering besetzt. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass nicht die Sachthemen selbst Gefühle hervorrufen, sondern dahinter liegende existenzielle Anliegen: das Bedürfnis nach existenzieller Sicherheit, der Wunsch nach Autonomie und die Suche nach Sinn und Identität. Die Studie nutzt einen sozialpsychologischen Zugang und erfasst Einstellungen in ihrer ganzen Komplexität mit den drei Dimensionen Kognition, Affekt und Verhalten. Damit werden nicht nur Überzeugungen und Wissensbestände zu Evolution und Schöpfungsglaube in den Blick genommen, sondern auch die emotionalen Reaktionen und verhaltensgesteuerten Faktoren, die Schüler:innen-Einstellungen prägen. Die Ergebnisse deuten auf ein besonderes didaktisches Potenzial hin: Eine Erschließung von „Schöpfung" über die existenzielle Perspektive eigener Geschöpflichkeit könnte religiöse Lernprozesse authentischer und bedeutsamer gestalten und die oft wahrgenommene Konfliktualität zwischen Glaube und Naturwissenschaften neu perspektivieren.