Das Konzept der Positionierung ist in der Religionspädagogik präsent – doch zwischen theoretischem Anspruch und schulischer Realität klafft eine erhebliche Lücke. Während Konzepte religiöser Bildung darauf abzielen, dass Schülerinnen und Schüler wie auch Lehrkräfte markante, bewusste religiöse Positionen entwickeln und vertreten, zeigen empirische Studien ein anderes Bild: Lernende tendieren zur Neutralisierung von Weltanschauungen, entwickeln oszillierende Vorstellungen ohne klare Konturierung, und Religionslehrkräfte halten sich persönlich zurück. Der Beitrag greift diese Diskrepanz auf und schlägt eine neue Perspektive vor: die Untersuchung der interaktionalen und prozessualen Dimension von Positionierung. Basierend auf einer Grounded Theory zu Positionierungsprozessen junger Erwachsener in autobiographischer Perspektive fragt der Autor, wie „Sich-Positionieren" empirisch konkret funktioniert – wie es also in realen Interaktionssituationen abläuft und theoretisch beschreibbar wird. Der methodische Fokus liegt dabei auf einer hermeneutischen Frage: Unter welchen Bedingungen lassen sich Erkenntnisse aus autobiographischen Kontexten auf die religionsdidaktische Praxis übertragen, und welcher Erkenntnisgewinn könnte sich aus diesem Transfer ergeben? Der Beitrag erweitert damit die religionspädagogische Positionierungsdiskussion um eine bislang unterrepräsentierte Dimension und eröffnet neue kritische Fragestellungen für die schulische Religionsdidaktik.