Die zunehmende religiöse Pluralisierung der Gesellschaft stellt Religionslehrkräfte vor neue Herausforderungen: Sie sollen ihre Schüler*innen nicht nur mit Wissen über andere Religionen vertraut machen, sondern ihnen auch Werte wie Achtung, Respekt und Toleranz vermitteln. Doch wie werden angehende Religionslehrkräfte in der universitären Ausbildung auf diese komplexe Aufgabe vorbereitet?
Der vorliegende Beitrag untersucht die impliziten und expliziten Überzeugungen von Lehrenden in der evangelischen und katholischen Religionslehrer*innenbildung an Hochschulen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. In einem theoriegeleiteten Forschungsprojekt wurden acht Expert*inneninterviews mit Dozierenden durchgeführt, die interreligiöse Module in der christlichen Religionslehrer*innenausbildung konzipieren und unterrichten. Zentral ist dabei das Konzept der „Mindsets religiöser Pluralität" – jene grundlegenden Haltungen und Überzeugungen, die das Denken und Handeln der Lehrenden im Umgang mit religiöser Vielfalt prägen.
Die Studie baut auf einem Vorgängerprojekt zur islamischen Religionslehrer*innenbildung auf, das überraschende Ergebnisse zeigte: Die Hochschullehre zum Thema Interreligiosität beschränkte sich häufig auf die Vermittlung religionskundlichen Wissens und auf formale, oberflächliche Dialoge, ohne eine tiefergehende Auseinandersetzung mit Differenzen zu fördern oder die Studierenden zu einer eigenen religiösen Positionierung anzuleiten. Mit der Ausweitung auf die christliche Perspektive lässt sich nun prüfen, ob diese Muster spezifisch für den islamischen Religionsunterricht sind oder ob sie auch in der christlichen Religionslehrer*innenbildung zu beobachten sind.
Die methodische Herangehensweise folgt einer theoriegeleiteten Inhaltsanalyse nach Mayring und nutzt ein ausdifferenziertes Kategoriensystem mit Grund-, Haupt- und Subkategorien. Die Interviews wurden anhand eines umfangreichen Fragenkatalogs durchgeführt, der persönliche Haltungen, curriculare Rahmenbedingungen, Lehrkultur und die Frage nach Einheit und Vielfalt in der Lehre abdeckt. Besonders relevant sind Fragen zum theologischen Verständnis anderer Religionen, zu Erfahrungen im interreligiösen Dialog und zum Umgang mit religiösen Konflikten und Wahrheitsansprüchen.
Der Beitrag bietet damit erstmals einen systematischen Vergleich der Mindsets in der islamischen und christlichen Religionslehrer*innenausbildung und liefert empirische Erkenntnisse über den gegenwärtigen Stand hochschuldidaktischer Praxis im interreligiösen Lernen. Dies ist von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung von Ausbildungsprogrammen, die künftige Lehrkräfte noch besser auf die Realität einer pluralen Gesellschaft vorbereiten sollen.