Der islamische Religionsunterricht in Deutschland steht vor einer grundlegenden Herausforderung: Er adressiert Schülerinnen und Schüler, die als homogene religiöse Gruppe wahrgenommen werden, obwohl sie tatsächlich hochgradig heterogen sind. Während empirische Studien wie die Shell Jugendstudie 2019 und die Sinus Studie 2020 nahelegen, dass Religion für muslimische Jugendliche eine besondere Bedeutung hat, verdeckt diese pauschale Darstellung eine vielfach unentdeckte Realität: Es gibt unter Muslimen erhebliche Unterschiede in Religiosität, Religionspraxis und Glaubensbezug. Der vorliegende Artikel analysiert diese Diskrepanz zwischen Außen- und Binnenwahrnehmung und fragt, wie islamischer Religionsunterricht mit dieser tatsächlichen Heterogenität umgehen kann. Ausgehend von der historischen Entwicklung des Fachs in Deutschland seit den 1970er Jahren und der aktuellen Situation – etwa 70.000 Schülerinnen und Schüler an über 900 Schulen, bei einer geschätzten Nachfrage von über einer Million – wird deutlich, dass die Förderung religiöser Mündigkeit zentral sein muss. Der Artikel argumentiert, dass Lehrkräfte die Fähigkeit entwickeln müssen, ihre eigene Positionalität reflektiert darzustellen und Perspektivenwechsel zu ermöglichen. Dies ist nicht nur eine didaktische Frage, sondern eine Frage der professionellen Kompetenzentwicklung in der Aus- und Weiterbildung. Nur so können wechselseitige Ressentiments zwischen Ethik-, christlichem und islamischem Unterricht abgebaut und ein respektvoller Umgang mit religiöser Pluralität innerhalb wie außerhalb des Klassenzimmers gefördert werden.