Religion gilt vielen als Konfliktursache. Doch eine neue Analyse der sechsten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung der EKD (2022) zeigt ein differenzierteres Bild: Die Wertorientierungen und ethischen Einstellungen von Protestanten, Katholiken und Konfessionslosen liegen tatsächlich näher beieinander als häufig angenommen. Konflikte entstehen nicht primär im Denken, sondern in konkreten praktischen Lebenskontexten, wo religiöse und nicht-religiöse Lebensorientierungen kollidieren. Der Beitrag untersucht diese „religiös-säkulare Konkurrenz" auf der Mikroebene sozialer Interaktion und fragt, wie Religions- und Ethikunterricht damit umgehen sollten. Dabei wird deutlich: Die historischen Konflikte um Kreuzzüge, Konfessionskriege und Hexenverfolgungen prägen bis heute das öffentliche Bild von Religion – weniger aber die tatsächlichen Wertekonflikte zwischen gläubigen und nicht-gläubigen Menschen im Alltag. Neue politische Konflikte zu religionsbezogenen Themen wie Flüchtlingspolitik oder Geschlechterethik speisen sich oft stärker aus der Politik selbst als aus dem religiösen Feld. Die Studie eröffnet damit neue Perspektiven auf die Aufgaben religiöser Bildung in pluralistischen Gesellschaften und hinterfragt verbreitete Vereinfachungen über die Konfliktträchtigkeit von Religion.