Der Beitrag beleuchtet aus pastoraltheologischer Perspektive eine bemerkenswerte Leerstelle: Während theologische und religionspädagogische Fachdiskurse sich intensiv mit Antisemitismus auseinandersetzen, ist das Thema in der Pastoraltheologie – der Wissenschaft von der kirchlichen Praxis – bislang strukturiert wenig erforscht. Die Autorin identifiziert die aktuellen Aufgaben, die sich Christinnen und Christen insbesondere in Deutschland und Österreich zur Bekämpfung des Antisemitismus stellen müssen. Dabei zeigt sich ein Widerspruch: Einerseits liegen seit Jahrzehnten lehramtliche Vorgaben vor – etwa die Vatikanischen „Hinweise" von 1985, die fordern, dass Juden und Judentum nicht am Rande, sondern zentral in Predigt und Katechese Platz finden sollen. Andererseits sind diese Forderungen in der pastoralen Realität weder umgesetzt noch vielen Verantwortlichen bekannt. Die Autorin analysiert, wie Antisemitismus historisch in kirchlichen Lernorten „mitgelernt" wurde – in Liturgie, Predigt und Katechese – und identifiziert aktuelle antijudaistische Phänomene im pastoralen Feld. Besondere Aufmerksamkeit gilt klassischen Dimensionen kirchlicher Verkündigung, der Begegnung mit dem zeitgenössischen Judentum und dem Antijudaismus als theologischem Phänomen. Der Beitrag diagnostiziert unbewältigte Schuldkomplexe, fehlendes Wissen sowie die marginalisierte Rolle religiöser Bildung in der Pastoral als Hindernisse. Zugleich eröffnet die Erosion traditioneller Kirchlichkeit paradoxerweise eine Chance: Sie zwingt dazu, religiöse Bildung neu ernst zu nehmen – als Raum, in dem auch Antisemitismus als Lerngegenstand bearbeitet werden kann.