Wie positioniert sich der Koran zu den Juden und dem Judentum? Ein neuer dialogischer Blickwinkel eröffnet hier differenzierte Einsichten. Der Artikel analysiert zunächst zentrale koranische Begriffe, die zur Beschreibung der jüdischen Bevölkerung in Mekka und Medina verwendet wurden. Dabei wird deutlich, dass der Koran Religion nicht als plurale Institutionen versteht, sondern den unveränderlichen Kern aller Religionen (tauhīd) betont, der sich kulturell unterschiedlich ausdrückt. Besondere Aufmerksamkeit verdient die historische Situation: Von über 6000 Versen des Korans beschäftigen sich mehr als zehn Prozent mit Fragen jüdischer Lebensweise – ein beachtlicher Anteil, der die Bedeutung dieser Auseinandersetzung unterstreicht. Der Text rekonstruiert die Geschichte der Juden im Ḥiǧāz, wo sie lange vor dem Islam etablierte religiöse, soziale und wirtschaftliche Strukturen aufgebaut hatten. Sie unterhielten Synagogen, Schulen und waren den arabischen Beduinen kulturell überlegen. Als Prophet Muhammad nach Medina kam, erkannte er schnell, dass die gebildeten Juden für die junge Religion wertvoll sein könnten. Er versuchte, sie durch eine innovative Verfassung und religiöse Anerkennungsmaßnahmen zu integrieren – etwa durch die anfängliche Gebetsrichtung nach Jerusalem oder die Übernahme von Fastentagen wie Ashūra. Trotz dieser Integrationsbemühungen blieben die erwarteten Konversionen aus. Das zentrale Erkenntnisinteresse liegt darin, die koranische Reaktion auf diese jüdische Haltung im historischen Kontext zu verstehen. Dabei wird betont, dass koranische Verse stets in ihrer spezifischen Offenbarungssituation zu interpretieren sind. Das hat unmittelbare Relevanz für gegenwärtige jüdisch-muslimische Beziehungen im europäischen Kontext und die Prävention von Antisemitismus in der islamischen Religionspädagogik.