In Finnland, einem historisch von lutherischen Traditionen geprägten Land, trafen 2015 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg massiv Asylsuchende ein – überwiegend aus muslimisch geprägten Ländern wie Irak, Afghanistan und Somalia. Diese kulturelle und religiöse Begegnung stellte Reception Centres vor neue Herausforderungen. Der vorliegende empirische Beitrag untersucht ethnographisch, wie Religion in einem finnischen Aufnahmezentrum faktisch gelebt wurde, obwohl die offizielle Ausrichtung Religion als private Angelegenheit konzeptualisierte. Die Forschung verfolgte zwei zentrale Fragen: Wo waren konkrete oder metaphorische Orte von Religion im Zentrum zu finden, und welche Diskurse über Religion präsenten sich im informellen Lernen des Alltags? Die Datenerhebung basierte auf teilnehmender Beobachtung, informellen Diskussionen und Interviews mit Mitarbeitenden und Asylsuchenden. Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: Religion manifestierte sich vielfältig in Speisepraktiken, im Gebet, in Zeitrhythmen und in beiden islamischen wie christlichen Festfeiern – und widersprach damit der Privatisierungsidee. Besonders bemerkenswert war die gegenseitige Offenheit und der Respekt zwischen Asylsuchenden und Mitarbeitenden, die nicht nur zum Wissenserwerb, sondern zu echtem gegenseitigen Lernen und zum Aufbau von Vertrauen führte. Religion erwies sich dabei überwiegend als positive Ressource für Sinngebung im Leben des Zentrums – ein wichtiger Befund für die Praxis religionspädagogischer und interkultureller Arbeit in Aufnahmeeinrichtungen.