In Deutschland leben heute über eine Million Menschen mit muslimischem Hintergrund – viele von ihnen sind seit 2015 als Geflüchtete angekommen. Sie treffen auf eine Gesellschaft, die vom Christentum und Säkularismus geprägt ist und dem Islam häufig mit Skepsis begegnet. Studien zeigen ein besorgniserregendes Bild: Knapp die Hälfte der Westdeutschen sieht den Islam als Bedrohung, während das Christentum von drei Vierteln als Bereicherung wahrgenommen wird. Gleichzeitig stimmen Menschen mit islamischem Glauben überdurchschnittlich oft der Aussage zu, dass nur ihre eigene Religion recht hat – ein Befund, der Vorbehalte in der Mehrheitsgesellschaft zu verstärken scheint.
Der vorliegende Artikel untersucht, wie dieser religiösen Polarisierung begegnet werden kann. Die zentrale These lautet: Gleichberechtigte persönliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen bauen Vorurteile ab. Das zeigt sich besonders in der ehrenamtlichen Arbeit, wo christliche Helferinnen und Helfer mit geflüchteten Menschen muslimischen Glaubens zusammenkommen. Auf der Grundlage qualitativer Interviews mit 33 solcher Tandems – insgesamt 77 Personen – analysiert die Studie die Möglichkeiten des gegenseitigen Beziehungsaufbaus und des Kompetenzerwerbs. Sie fragt, wie in diesen alltäglichen Beziehungen Stereotypisierungen überwunden werden können und welche Lernprozesse entstehen, wenn Menschen unvoreingenommen aufeinander zugehen. Der Ansatz verbindet dabei empirische Sozialforschung mit religionspädagogischen Fragen: Wie gestaltet sich religiöse Toleranz in der Praxis? Und wo liegen die Chancen für eine pluralistische Gesellschaft, die religiöse Unterschiede nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung wahrnimmt?