Die Offenbarungskonstitution Dei Verbum vom November 1965 markiert einen Paradigmenwechsel in der katholischen Bibeltheologie, dessen Bedeutung weit über sein geringes Umfang hinausgeht. Das Dokument war das Ergebnis verbitterter theologischer Kämpfe: Das Vorbereitungsteam hatte ursprünglich eine Verfestigung der apologetischen Abwehr gegen die historisch-kritische Bibelwissenschaft geplant, doch die Konzilsbischöfe und ihre Berater – darunter Rahner und Ratzinger – setzten eine grundlegende Neuausrichtung durch. Das Resultat war ein gekürzter, kompromissbehafteter Text, der offene Wunden hinterließ, die in der Rezeptionsgeschichte bis heute nachwirken.
Das theologische Zentrum von Dei Verbum liegt in der Formel „Gotteswort in Menschenwort" (per homines more hominum). Dies bedeutete einen fundamentalen Bruch mit der bis dahin gelehrten Verbalinspiration und dem Instruktionsmodell, wonach Gott den Autoren die Bibel diktiert habe. Die moderne Wissenschaft hatte dieses Modell unhaltbar werden lassen: Sachliche Fehler in der Bibel (wie der Hase als Wiederkäuer) ließen sich nicht erklären, und das Diktatmodell war mit aufklärerischen Vorstellungen von menschlicher Freiheit und Vernunft unvereinbar. Dei Verbum löste diesen Konflikt durch einen dogmatischen Spagat: Gott inspiriert die Schriftsteller durch den Heiligen Geist, bleibt ihr Urheber und Wahrheitsgarant, die biblischen Autoren aber werden als Menschen verstanden, die ihre Gotteserfahrungen mit ihrer ganzen Persönlichkeit aufschreiben. Sie nutzen die Konzepte und das Wissen ihrer Zeit – etwa ägyptische oder babylonische Quellen – und können daher sachlich irren, ohne theologisch falsch zu sein. Dies war möglich, weil sich das Christentum nicht als Buchreligion versteht, sondern seine Offenbarungstexte als geschichtliche Erfahrungszeugnisse deutet.
Die in Kombination mit anderen Konzilsdekraten wirkende Dei Verbum führte zu einer Bibeleuphorie und nachhaltigen Veränderungen: Katholische Exegeten durften fortan frei protestantische Kollegen rezipieren, die historische Kritik half alte Konfessionsgräben zu überbrücken, und der jüdisch-christliche Dialog wurde durch die Aufwertung des Alten Testaments zum „Ersten Testament" beflügelt. Liturgische Neuerungen wie die Neuordnung der Perikopen und ökumenische Bibelübersetzungen folgten. Doch die Rezeption schwankt zwischen diesem Enthusiasmus und Ernüchterung – eine Spannung, die bis heute in Apps, Internetforen und politischen Diskursen nachwirkt.