Der Artikel dokumentiert ein persönliches Gespräch zwischen der Autorin und Birgit Mattausch (@frauauge), die auf Instagram eine neue Formulierung für eine Vergebungs-Bitte in Beerdigungsritualen suchte. Das Gespräch offenbart ein zentrales Problem: Betroffene von sexualisierter Gewalt werden regelmäßig zur Vergebung aufgefordert, obwohl diese Anforderung für sie unangemessen und übergriffig ist. Die Autorin macht deutlich, dass sie sich nicht als Tätern „verpflichtet" betrachtet und dass gut gemeinte Ratschläge zur Vergebung für Traumabetroffene eine Zumutung darstellen.
Die ForuMstudie (Januar 2024) zur sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche bestätigt diesen kritischen Befund wissenschaftlich. Sie dokumentiert einen „Schuld-Vergebungs-Komplex": Betroffene werden zur Vergebung gedrängt, zu Mediationen mit Tätern eingeladen, und es findet eine subtile Schuldumkehr statt. Die Studie zeigt, dass theologische Konzepte von Schuld und Vergebung sexualisierte Gewalt nicht nur ermöglicht, sondern zerstörerische Machtverhältnisse stabilisiert haben.
Der Artikel argumentiert, dass diese theologischen und pastoralen Konzepte grundlegend transformiert werden müssen – nicht nur in Fakultäten und akademischen Diskursen, sondern vor allem in der alltäglichen liturgischen Praxis. Konkrete liturgische Formulierungen wie die Beerdigungsformel „Wem er etwas schuldig geblieben ist, der vergebe ihm" wirken für viele Betroffene toxisch und re-traumatisierend, da sie die Vergebung als einzigen Lösungsweg präsentieren. Der Artikel plädiert dafür, dass Kirche sich dieser Realität stellt und ihre liturgischen Praktiken bewusst überprüft und neu formuliert.