Die im Januar 2024 veröffentlichte ForuM-Studie dokumentiert Ausmaß und Strukturen von Missbrauch und sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Die Opfer waren durchschnittlich elf Jahre alt, etwa zwei Drittel Jungen, während die Täter überwiegend männlich, verheiratet und um die vierzig Jahre alt waren – etwa 40 Prozent davon Pfarrer. Die Studie zeigt, dass ein fließender Übergang vom religiösen zum sexuellen Missbrauch stattfand, wobei charismatische Pfarrer ihre Machtposition zur Manipulation nutzten. Besonders bemerkenswert ist, dass etwa die Hälfte der Täter Mehrfachtäter waren, die weitermachen konnten, weil Vorgesetzte schwiegen, Täter „strafversetzt" wurden und Betroffenen nicht geglaubt wurde.
Die evangelische Kirche reagierte auf diese Realität mit Verharmlosung und Externalisierung – durch die Darstellung, dass Missbrauch ein katholisches Problem sei, oder durch historische Relativierung. Harmoniezwang und Konfliktunfähigkeit ermöglichten das Vertuschen von Taten. Betroffenen wurde vorschnell Vergebung abverlangt, ohne dass echte Aufarbeitung stattgefunden hätte – eine Pervertierung der evangelischen Rechtfertigungslehre, die letztlich Täter schonte.
Trotz dieser verheerenden Befunde gibt es erste positive Entwicklungen: Die EKD hat Schutzkonzepte erstellt, Fachstellen eingerichtet und sich mit Betroffenenvertreter:innen auf verbindliche Standards zur Aufarbeitung verpflichtet. Dennoch werfen die Ergebnisse grundlegende Fragen zum Selbstverständnis und zur Zukunftsfähigkeit der evangelischen Kirche auf. Die Studie enthüllt einen spezifisch evangelischen Modus der Selbstüberhöhung, die Überzeugung, „besser" zu sein als andere Religionsgemeinschaften. Diese elitäre Selbstwirklichkeit kollidiert beschämend mit der dokumentierten Realität. Wie bei allen hierarchisch geschlossenen Systemen schafft die Kombination von institutioneller Geschlossenheit und Abhängigkeitsverhältnissen ideale Bedingungen für Gewalt – verschärft im kirchlichen Kontext durch religiösen Absolutheitsanspruch, Klerikalismus und das Ideal einer Geschwisterlichkeit, die Machtkonstellationen vernebelt.