Joachim Negel nimmt in seiner Antrittsrede als Dekan der Theologischen Fakultät Fribourg den 60. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Anlass für eine kritische Bilanz. Das Konzil sollte die Kirche verjüngen und die kirchliche Lehre in zeitgemäßer Weise erforschen und auslegen. Negel stellt jedoch die zentrale Frage, ob Theologinnen und Theologen dieser anspruchsvollen Aufgabe nachgekommen sind – ob sie also wirklich gelungen ist, die Liebe Gottes in die heutige Zeit zu übersetzen. Dabei artikuliert er den Verdacht, dass das Konzil selbst vielleicht zu optimistisch war und auf halbem Wege stehen geblieben ist.
Der Grund für Negels Skepsis liegt darin, dass das Konzil die fundamentalen Fragen der Modernismuskrise des 19. und frühen 20. Jahrhunderts nicht wirklich ernst genommen hatte – Fragen, die sich aus der historisch-kritischen Bibelexegese, der Evolutionsbiologie, der modernen Kosmologie, den politischen Umbrüchen und der Technisierung der Lebenswelt ergaben. Diese Probleme waren lange Zeit autoritär unterdrückt worden, was sich später rächte: Das Befreiungsgefühl der frühen Konzilsjahre schlug ab den 1970er Jahren in Überdruss um. Auch der lange Pontifikat Johannes Pauls II. und sein Programm „fides et ratio" oder der 1993 eingeführte Weltkatechismus konnten diesen Prozess nicht aufhalten – religiöse Praxis und Glaube wurden zunehmend zur Chimäre, kaum mehr greifbar und in überlieferten Formen zu leben.
Negel argumentiert, dass die aktuelle Krise der Kirche – insbesondere die Missbrauchskrise – nicht von außen durch Säkularismus verursacht wurde, sondern von der Kirche selbst verschuldet ist. Sie offenbart, dass auch die DNA der katholischen Kirche selbst zum Problem geworden ist und zeigt: Es ist nicht „die böse Welt", die die Kirche in die Krise führt, sondern interne Versäumnisse und strukturelle Probleme.