Die Diskussion um Synodalität in der katholischen Kirche lässt sich durch einen religionsvergleichenden Blick bereichern. Der Artikel zeigt, dass religiöse Organisationsformen zwischen strikter Hierarchie und lockerer Dezentralisierung variieren – eine Vielfalt, die primär historisch gewachsen ist und keinen universalen Gesetzmäßigkeiten folgt. Entscheidend ist, dass alle Religionen einen Traditionsinhalt bewahren müssen, weshalb vollständig demokratische Abstimmungsmodelle ausgeschlossen sind. Die Frage, wer Traditionen definiert, weitergeben und lehren darf, wird in den verschiedenen Religionen fundamental unterschiedlich geregelt.
Am Beispiel des Islam zeigt sich: Trotz universalerer Ansprüche entwickelte sich nie eine umfassende Hierarchie. Stattdessen entstanden länderspezifische Strukturen mit formal anerkannten Autoritäten wie Muftis oder dem Großimam der al-Ahzar-Universität in Kairo. Vielfach basiert Autorität auf charismatischen Prinzipien, wie bei den Ayatollahs der schiitischen Tradition. Zentralisierende Tendenzen finden sich eher bei jüngeren Bewegungen, die als Reaktion auf westliche Organisationsformen entstanden – etwa Salafisten oder die Muslimbruderschaft – und deren hierarchische Strukturen oft im Widerspruch zu gewachsenen islamischen Traditionen stehen.
Der Buddhismus demonstriert ähnliche Vielfalt. Seine ursprüngliche asketische Ausrichtung prägte die Institution des Klosters (vihāra) als Zentrum von Gelehrsamkeit und gesellschaftlicher Macht. Allerdings entstand keine institutionalisierte Hierarchie, sondern über Jahrhunderte gewachsene Strukturen, die organisch zu Autoritätszuschreibungen führten.