Ein Vortrag der Tübinger Theologin Johanna Rahner beim diözesanen Frauenforum im April 2021 wurde in der medialen Berichterstattung fundamental entstellt. Während der Originaltext eine strukturelle Kritik an der Geschlechterdiskriminierung in der katholischen Kirche enthielt, wurde die öffentliche Debatte unter dem Label „Rassismus-Debatte" geführt. Dies war keine zufällige Fehlinterpretation, sondern eine bewusste Skandalisierungsstrategie.
Rahner hatte argumentiert, dass Diskriminierung nur durch Benennung überwunden werden kann und appellierte an kirchliche Amtsträger, ihre Privilegien für Frauenrechte einzusetzen. Sie nutzte dabei ein wissenschaftlich etabliertes Verfahren (Intersektionalität), um unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen in ihrer strukturellen Ähnlichkeit zu vergleichen – ein Ansatz, den bereits Stuart Hall in der Rassismuskritik angewendet hatte. Die mediale Umdeutung ihrer Argumentation in den Vorwurf, sie bezeichne Frauenordinations-Gegner als Rassisten, machte ihren eigentlichen Punkt unsichtbar und funktionierte als Immunisierungsstrategie: Sie ermöglichte es, nicht über reale Geschlechterdiskriminierung sprechen zu müssen.
Das direkte Gespräch zwischen Bischof Stefan Oster und Rahner zeigte jedoch, dass solche Skandalisierungen aufgeklärt werden können. Doch die nachfolgende Kontroverse in theologischen Kreisen führte dazu, dass die Tübinger Theologische Quartalschrift geplante Debattenbeiträge zunächst aussetzte, um die entstandene Lücke bewusst zu dokumentieren statt zu überdecken.