Das Buch „Erzählen als Widerstand" versammelt 23 Berichte von erwachsenen Frauen, die in der katholischen Kirche spirituellen und sexuellen Missbrauch erfahren haben. Mit Pseudonymen geschützt, berichten die Frauen – darunter neun Ordensfrauen sowie Singles, Familienfrauen und berufstätige Frauen unterschiedlicher Hintergründe – von ihren Erfahrungen, die lange Zeit tabuisiert waren. Das Buch erscheint pünktlich zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen und macht deutlich, dass Missbrauch in der Kirche nicht nur Jungen und Jugendliche betrifft, sondern jede Frau treffen kann.
Die Berichte fungieren als Widerstand auf mehreren Ebenen. Sie offenbaren die systematischen Anbahnungsstrategien der Täter und Täterinnen: langsame Grenzüberschreitungen, emotionale Manipulation, Missbrauch von spirituellem Vertrauen in Seelsorgegesprächen, Beichte und Geistlicher Begleitung sowie die Isolation und Zum-Schweigen-Bringung der Betroffenen durch Scham und Abhängigkeit. Die Berichte zeigen die enge Verflechtung von spirituellem und sexuellem Missbrauch und wie Täter sich anmaßen, im Namen Gottes zu handeln.
Erzählen wird als Widerstandsakt gegen das Trauma verstanden: Der Missbrauch versetzt die Betroffenen in Ohnmacht und führt zu Traumatisierung mit Symptomen wie Dissoziation, Suizidgedanken und dem Drang zum Verstummen. Indem die Frauen ihre Erfahrungen aufschreiben, gewinnen sie trotz des Traumas Handlungsfähigkeit zurück. Zugleich ist Erzählen Widerstand gegen kirchliche Machtstrukturen und Risikoasymmetrien, die Missbrauch ermöglichen. Die Erkenntnis, dass Täter gezielt Kindheitstraumatisierungen ausnutzen, unterstreicht die strukturelle Dimension von Missbrauch als Machtgeschehen.