Jan Hermelink würdigt die Energie und das Krisenbewusstsein des Synodalen Weges, sieht darin aber auch Parallelen zu evangelischen Reformbemühungen, die ihn zu Ernüchterung führen. Aus der praktisch-theologischen Perspektive der evangelischen Kirche argumentiert er, dass zwei zentrale Hoffnungen des Synodalen Weges wahrscheinlich enttäuscht werden.
Erstens warnt Hermelink vor der Annahme, dass die Öffnung des Priestertums für Ehepartner und Frauen die hierarchischen Machtverhältnisse überwinden könnte. Die evangelische Kirche zeigt: Auch ohne Zölibat und mit ordinierten Frauen bleibt die „Pastorenmacht" über Gemeinden und Familien bestehen. Die Ordination von Frauen seit den 1960er/70er Jahren hat an der pastorenzentrierten Haltung des evangelischen Kirchenvolks bislang wenig geändert. Vielmehr kämpft die evangelische Kirche trotz dieser Öffnungen mit massiven Nachwuchsproblemen – eine „Protestantisierung" des katholischen Priestertums sollte daher nicht zu viel Hoffnung (oder Besorgnis) wecken.
Zweitens argumentiert Hermelink, dass kirchlicher Konservativismus nicht an zentraler Lehr- und Leitungsmacht gebunden ist. Die evangelischen Landeskirchen, die auf Rom verzichteten, sind historisch zu „Amtskirchen" mit staatsförmiger Struktur und obrigkeitlicher Verwaltung geworden. Reformversuche scheiterten nicht an autoritären Bischöfen, sondern an institutioneller Eigenlogik und einem traditionsorientierten Kirchenvolk. Auch der Konflikt zwischen aufgeklärter Theologie und konservativem Lehramt ist dem evangelischen Kontext vertraut – seit Karl Barth 1930 zeigt sich: Theologie entwickelt wenig kirchenleitende Kraft nicht wegen autoritativer Lehrämter, sondern wegen der Eigenlogik großkirchlicher Organisation selbst. Ein Synodaler Weg, auf dem vor allem Funktionäre unterwegs sind, wird daran kaum etwas ändern können.