Der Artikel analysiert die Krise der katholischen Kirche angesichts von Missbrauchsskandalen und fordert eine tiefgreifende Selbstkritik. Ausgehend von den Aussagen kirchlicher Würdenträger, die von mangelndem Vertrauen und innerkirchlichem Konflikt sprechen, entfaltet der Text eine Abfolge von Versprechen, die die Kirche geben müsste: Zunächst die Selbstverständlichkeit, Missbrauch zu verhindern und nicht zu decken, dann die Ehrung und Unterstützung der Überlebenden, aber auch die Aufarbeitung systemischer Ursachen.
Der entscheidende Punkt liegt in der dritten Schicht: Die akademische Theologie fordert die Überwindung der „sakralisierten Amtsüberhöhung" des Priesters, den Abbau männerbündischer Klerikalkultur, die Reformierung absolutistischer kirchlicher Strukturen durch Gewaltenteilung und Verwaltungsgerichtsbarkeit sowie eine Neubewertung der kirchlichen Sexualmoral. Diese Forderungen entsprechen rationalen Erkenntnissen der modernen Gesellschaft, die längst aus totalitären Strukturen gelernt hat. Paradoxerweise lagert die Kirche ihre Aufarbeitung an ebendiese säkulare Gesellschaft aus, von der sie sich sonst überlegen dünkt.
Die zentrale Provokation des Textes liegt darin, die Kirche auf ihr eigenes Versprechen vom Zweiten Vatikanischen Konzil zu verpflichten: ein „allumfassendes Sakrament des Heiles" zu sein, das die Liebe Gottes offenbart und verwirklicht. Würde sie dieses Versprechen ernst nehmen – nicht als dogmatische Selbstzuschreibung oder leere Rhetorik, sondern als bindende Verpflichtung – müsste sie sich in metaphysischer Demut unter die Forderung stellen, tatsächlich zum Ort der Liebe Gottes zu werden, besonders in ihrer Beziehung zu den Opfern.