Das Dokument „Männlich und weiblich schuf Er sie" der Kongregation für das Katholische Bildungswesen versucht, die philosophischen Grundlagen der Gendertheorie historisch nachzuvollziehen. Der Autor würdigt zunächst die korrekte Darstellung behavioristischer Theorien (B. F. Skinner, John Money) und die Einführung der sex/gender-Unterscheidung in die moderne Medizin. Allerdings kritisiert er scharf, dass das Dokument ab § 10 in Strohmann-Argumente verfällt: Es unterstellt der Gendertheorie, dass Menschen ihre sexuelle Identität völlig frei und willkürlich wählen könnten – eine Position, die keine ernstzunehmende wissenschaftliche Theorie vertritt. Besonders problematisch ist die Darstellung trans* Erfahrung als bloße Wahlhandlung, was der Realität widerspricht, dass trans* Personen ihre Identität durch lange Prozesse entdecken und kämpfen, von anderen anerkannt zu werden.
Der Autor zeigt weiter auf, dass auch die philosophische Theoriebildung, insbesondere Judith Butlers Werk, fundamental misrepräsentiert wird. Butler argumentiert nämlich gegen die starre Trennung von sex und gender und analysiert kritisch, wie mit naturalisierenden Begriffen Politik gemacht wird. Sie behauptet nicht, dass Menschen sich ihr Geschlecht aussuchen, sondern dass Geschlechtszuweisungen und die damit verbundenen Normen soziale Identität erst konstituieren. Paradoxerweise steht Butler damit in diesem Punkt näher bei der katholischen Position als das Dokument suggeriert – mit dem entscheidenden Unterschied, dass Butler diese Normen kritisch analysiert und hinterfragt, während die Bildungskongregation sie als unverrückbare Naturwahrheit verabsolutiert.