Elmar Klinger gilt als eigenwilliger und unabhängiger Vertreter der deutschsprachigen Theologie, der sich schwer in gängige Kategorien einordnen lässt. Der 1938 in Herzogenaurach geborene Theologe vereint tiefe kirchliche Verwurzelung mit weltoffener Modernität und war bereit, sich theologisch den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen. Seine akademische Ausbildung führte ihn unter anderem zu Karl Rahner nach München und Münster, wobei seine Habilitation von 1978 die Bedeutung des spanischen Barockscholastikers Melchior Cano und dessen Lehre von den „Orten der Theologie" wiederentdeckte – ein Ansatz, der Dogma und Geschichte konstruktiv aufeinander bezieht.
Klingers intellektuelle Spannweite zeigt sich in seiner Offenheit gegenüber analytischer Philosophie, Prozessphilosophie und auch solchen Denkern wie Nietzsche oder feministischen Theoretikerinnen, die nicht unmittelbar als christentumsnah gelten. Während seiner 30-jährigen Lehrtätigkeit in Würzburg (1976–2006) prägte er Generationen von Studierenden durch sein formales theologisches Denken. Das zentrale Lebensthema Klingers ist das Zweite Vatikanische Konzil, das er nicht als bloße Zitiersammlung, sondern als kohärentes theologisches Gesamtprogramm versteht. Er analysiert das Konzil durch die Zuordnung der Offenbarungskonstitution zu den Kirchenkonstitutionen und besonders durch das wechselseitige Verhältnis von dogmatischer und pastoraler Kirchenkonstitution. Seine charakteristische Methode besteht darin, zentrale theologische Größen wie Dogmatik und Pastoral, Gott und Welt, Kirche und Welt als polare, wechselseitig aufeinander bezogene Pole zu verstehen. Dieses polare Denken ermöglicht pointierte inhaltliche Positionsbestimmungen und macht Klingers Theologie gleichzeitig suspekt – sowohl in akademischen als auch in kirchlichen Kreisen.