Der von Margit Eckholt herausgegebene Sammelband mit 25 Beiträgen resultiert aus einer 2015 stattgefundenen Tagung zu Ehren der Theologin Elisabeth Gössmann und verfolgt das Ziel, die „gefährliche Kategorie" Gender wissenschaftlich zu erschließen. „Gefährlich" ist diese Kategorie deshalb, weil sie von rechten kirchlichen und politischen Milieus bewusst unkorrekt als „Gender-Ideologie" oder „Genderismus" gebraucht wird und damit auch kirchliche Amtsträger irreführt, die glauben, damit christliche Werte und Familienordnungen zu verteidigen. Der Sammelband hingegen plädiert für eine „Entideologisierung der Debatte", um Gender als fruchtbare theologische Kategorie zu rehabilitieren.
Der erste Teil widmet sich Begriffsklärungen und aktuellen Herausforderungen. Dabei wird aus lateinamerikanischer Perspektive gezeigt, dass die Kritik am dort verbreiteten „Machismo" unverzichtbar des Gender-Begriffs bedarf, um zu erkennen, dass Unterdrückungsprobleme nicht biographisch, sondern auf der Ebene kultureller Symbole liegen. Der zweite Teil behandelt theologisch-anthropologische Grundfragen, insbesondere zur Geschlechterdifferenz. Hier wird aufgezeigt, dass die biblischen Anthropologien von Genesis 1-3 „sehr viel weniger Ansatzpunkte für eine Zweitrangigkeit oder Unterordnung der Frau" bieten, als deren spätere kirchliche Rezeption nahelegt. Statt einer lehramtlich verteidigten essentialistischen Festschreibung von Geschlechterunterschieden wird plädiert, die leibgebundene Freiheit des Menschen als „imago Dei" als Ausgangslage theologisch-anthropologischen Denkens zu nehmen. Dies führt konsequenterweise zur Notwendigkeit einer geschlechtersensiblen kirchlichen Anthropologie und Theologie.
Die Teile drei und vier erörtern die Relevanz der Gender-Kategorie für Praxisfelder der katholischen Kirche sowie internationale Kontexte (Afrika, Lateinamerika, Philippinen, Kroatien), wobei auch die Gender-Perspektive in der Entwicklungszusammenarbeit von MISEREOR berücksichtigt wird. Insgesamt fordert der Band nicht die ideologische Verdammung, sondern ein redliches „Gender studieren" ein, um damit verbundene theologisch und ethisch herausfordernde Fragen zu klären und einen überfälligen Lernprozess für eine geschlechtersensible Theorie und Praxis in Theologie und Kirche zu forcieren.