Der Autor unterscheidet zwischen alltäglichem Machtmissbrauch durch geistliche Personen und dem spezifischen Phänomen des geistlichen Missbrauchs. Letzterer beruht auf einer fundamentalen Verwechslung: Entweder verwechselt sich der Seelenführer selbst mit Gottes Stimme, oder die Seele verwechselt ihren Begleiter damit, oder beide unterliegen dieser Verwechslung gleichzeitig. Das alttestamentliche Beispiel der Berufung Samuels verdeutlicht dies: Samuel hört Gottes Ruf, meint aber, dass sein Seelenführer Eli ihn ruft. Eli erkennt glücklicherweise die Verwechslung, weist Samuel nicht von sich ab, sondern hilft ihm, die eigene Fähigkeit zu entwickeln, Gottes Stimme selbst zu hören und zu verstehen.
Geistliche Begleitungen sind grundsätzlich wertvoll, da sie Menschen in ihrer spirituellen Sehnsucht unterstützen. Allerdings ist die theologische Dimension des geistlichen Missbrauchs zentral: Es geht letztlich um die Frage nach Gott selbst. Die Theologie und das Lehramt sind hier herausgefordert. Der Missbrauch basiert auf Machtasymmetrie – doch nirgends ist Macht anspruchsvoller als wenn sie mit dem Göttlichen verbunden wird. Die eigentliche Aufgabe des Seelenführers besteht nicht darin, die Seele zu lenken, sondern sie zu befähigen, selbst auf Gottes Stimme zu hören und ihre eigene spirituelle Autonomie zu entwickeln.