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Hans-Joachim Sander

Wenn die Welt das Beste von uns braucht.

Veröffentlichung:1.5.2026

Die Reformation von 1517 entkoppelte Religion, Glauben und Spiritualität – eine Spannung, die das II. Vatikanum aufgriff und die heute unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus neu verhandelt werden muss, um Kirchen zukunftsfähig zu machen.

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Der Artikel analysiert die Reformation von 1517 als Wendepunkt, an dem Martin Luther erfolgreich religiöse Machtkonstrukte durch die spirituelle Autorität des Glaubens in Frage stellte. Dies markierte die fundamentale Erkenntnis, dass Religion, Glauben und Spiritualität nicht länger in harmonischer Einheit funktionieren können. Dahinter verbergen sich tiefere strukturelle Spannungen zwischen Macht-Wahrheit-Freiheit sowie zwischen Gesellschaft-Gemeinschaft-Individuum. Auf keiner dieser Ebenen lässt sich eine umfassende Harmonie zwischen allen drei Faktoren herstellen – sobald zwei sich positiv aufeinander beziehen, stellt sich die dritte quer. Das II. Vatikanum (1965) vollzog diese lutherische Entkopplung bewusst nach, allerdings auf einer anderen Grundlage: durch eine pastorale und pragmatische Wende. Die Pastoralkonstitution „Gaudium et spes" stellt fest, dass das christliche Heil primär Heil der anderen ist, da es aus Gottes universellem Heilswillen kommt. Die säkularen „Zeichen der Zeit", insbesondere die Freude, Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen – vor allem der Armen und Bedrängten – werden zum Ort, wo sich die Gegenwärtigkeit des Christentums entscheidet. Die dramatischen Spaltungen unserer Gegenwart (etwa zwischen Reichen und Armen) sind zugleich der Ort, wo die Kirchenspaltung bewältigt werden kann und muss. Im Jahr 2017 zeigt sich: Weder die protestantische noch die katholische Utopie funktioniert noch. Der Protestantismus kann auf Basis von Spiritualität (Freiheitsanspruch) und Glauben (Wahrheitsanspruch) den religiösen Machtanspruch nicht konstruieren; der Katholizismus kann auf Basis von Wahrheits- und Machtanspruch den Freiheitsanspruch nicht steuern. Der globalisierte Kapitalismus provoziert darüber hinaus eine völlig neue Konstellation: Eine „richtungslose Bewegung" und ein „rasender Stillstand" entziehen sich intentionaler Gestaltung und widersprechen dem Autonomieversprechen der Moderne. Die zentrale Frage für beide Kirchen lautet daher: Welchen Beitrag leisten sie zur Zukunft unserer globalisierten Zivilisation? Davon hängt ab, ob die Kirchenspaltung heute Segen oder Fluch ist.

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8.5.2026

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