Der Artikel von Sabine Bieberstein untersucht die Bedeutung der Kategorie Geschlecht für die Bibelwissenschaften und dokumentiert die historische Entwicklung weiblicher Bibelauslegung. Seit biblischen Zeiten beteiligten sich Frauen an der Schriftauslegung, doch fand dies lange Zeit im Verborgenen statt. Ein Wendepunkt war Elizabeth Cady Stantons "Woman's Bible" von 1895/1898, die von Frauen verfasste Kommentare zu frauenrelevanten Textstellen sammelte. Der Zugang von Frauen zu universitärer Theologie erfolgte schrittweise ab den 1870er-Jahren in der Schweiz und ab 1900 in Deutschland, wobei die katholische Kirche deutlich später folgte. Mit der Zweiten Frauenbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre entstanden feministische Theologien als kontextuelle Theologien, die gesellschaftliche und persönliche Erfahrungen als Erkenntnisquellen nutzen. Die feministische Hermeneutik verfolgt zwei zentrale Ziele: einerseits die Wiederentdeckung von Frauenfiguren und deren Bedeutung für heutige Leser, andererseits die kritische Analyse patriarchaler und kyriarchaler Strukturen in Texten und Auslegung. Während frühe feministische Exegese Frauen ins Zentrum stellte und frauenbefreiende Traditionen aufdeckte, wurde zugleich bewusst, dass die Bibel auch "Schreckenstexte" enthält, die Frauen unterdrücken. Das Konzept der Kyriarchie nach Elisabeth Schüssler Fiorenza erweitert die Analyse auf komplexe Machtsysteme von Überordnung und Unterordnung. Die "kritisch-feministische Hermeneutik der Befreiung" ermöglicht es, Frauen als Subjekte und Opfer der Geschichte sichtbar zu machen und biblische Geschichte als Frauengeschichte zu rekonstruieren.