Der Artikel von Bernhard Grümme problematisiert das Konzept der Chancengleichheit in der Schule, das intuitiv als gegeben angenommen wird, aber empirisch vielfach widerlegt ist. Bildungssoziologische Forschungen zeigen asymmetrische Verteilungen von Bildungschancen sowohl global als auch in Deutschland, wo der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Bildungserfolg besonders eng ist. Die Rede von Chancengleichheit verschleiert faktisch bestehende Ungleichheiten und kann durch ihre Ideologieanfälligkeit sogar zur Perpetuierung von Ungleichheit beitragen. Grümme unterscheidet drei gerechtigkeitstheoretische Positionen: Das egalitaristische Prinzip nach Rawls fordert den Ausgleich natürlicher und sozialer Ungleichheiten; der Liberalismus zielt auf gleiche Ausgangsvoraussetzungen ohne weitere Kompensation; der Capability-Approach von Nussbaum und Sen konzentriert sich auf elementare Bedürfnisse und Grundfähigkeiten. Rainer Forsts Position betont, dass Gerechtigkeit nicht primär eine Verteilungsmaschine ist, sondern dass Subjekte als gleichberechtigte Akteure anerkannt werden müssen und ein Recht auf Rechtfertigung haben. Im Bildungsdiskurs finden sich parallele Positionen, etwa der Aktionsrat Bildung, der herkunftsunabhängige Chancengleichheit propagiert. Grümme argumentiert, dass eine angemessene Theorie der Chancengleichheit die Zusammenhänge von Normativität und Macht berücksichtigen muss und gesellschaftliche Strukturen kritisch-transformatorisch reflektiert. Für die Religionspädagogik fordert er, dass die theologische Tradition der Gottesebenbildlichkeit zu einer kritischen Selbstreflexion drängt und damit Bildung als Menschenrecht und Moment menschlicher Würde zu begreifen ist.