Der Artikel von Martin Rothgangel definiert Fundamentalismus als Reaktion auf die ambivalente Verwendung des Begriffs in wissenschaftlichen und öffentlichen Diskursen. Fundamentalismus wird als feste Grundüberzeugung verstanden, die orientierungs- und handlungsleitend wirkt. Die historischen Ursprünge liegen in der amerikanischen evangelikalen Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts, nicht im Islam, wie häufig angenommen. Der Begriff wurde 1920 von Curtis Lee Laws geprägt und bezieht sich auf die fünf Fundamentalartikel der Presbyterianischen Kirche (1910), wobei die Irrtumslosigkeit der Bibel das zentrale Unterscheidungsmerkmal zwischen Evangelikalen und Fundamentalisten darstellt. Der Fundamentalismus entstand als Reaktion auf Modernisierungserscheinungen wie Industrialisierung, Urbanisierung, kulturellen Pluralismus und die Säkularisierung der amerikanischen Gesellschaft. Fundamentalisten sahen traditionelle Institutionen wie Familie, Kirche und Schulen bedroht und verteidigten die patriarchale Ordnung als göttlich begründet. Der sogenannte Affenprozess von 1925 in Dayton/Tennessee markierte einen Wendepunkt, nach dem der Fundamentalismus öffentlich diskreditiert wurde. Trotz seiner Ablehnung der Moderne zeigt sich ein paradoxes Phänomen: Fundamentalisten verwenden moderne Denkmuster, etwa die naturwissenschaftliche Faktenorientierung des 19. Jahrhunderts, um mit dem Kreationismus eine wissenschaftliche Alternative zur Evolutionstheorie zu konstruieren. Der Artikel verdeutlicht, dass sich Fundamentalisten nicht gegen die Moderne als Ganzes, sondern nur gegen ihre bedrohlichen Aspekte wenden.