Gemeindepädagogik entstand in den 1970er-Jahren in evangelischen Fachhochschulen in Ost- und Westdeutschland als Reaktion auf mehrere Krisen. Die ekklesiologische Wurzel liegt in Austrittswellen und Kirchendistanzierung seit Ende der 1960er-Jahre; viele parochiale Gemeindestrukturen erschienen für moderne Lebensgewohnheiten nicht mehr funktional. Die berufstheoretische Wurzel betrifft die Krise des Katecheten-Berufes und die Forderung nach theologisch und pädagogisch qualifizierten Mitarbeitenden sowie nach gleichberechtigtem Miteinander verschiedener Berufsgruppen. Die pädagogisch-didaktische Wurzel entspringt neuen Lerntheorien der 1960er-Jahre, die komplexere, hermeneutische Lernmodelle statt reiner Wissensvermittlung forderten. Im Gegensatz zur katholischen Kirche, wo der Begriff Katechese dominiert, entwickelte sich Gemeindepädagogik im evangelischen Raum zu einem zentralen Konzept. Dabei unterscheidet sich Gemeindepädagogik von Gemeindekatechese durch ihren gesellschaftlichen und sozialpädagogischen Anspruch: Sie wirkt über die Gemeinde hinaus ins soziale Umfeld und orientiert sich an aktuellen Herausforderungen des Alltags. Der Artikel differenziert zwischen einem sektorialen Verständnis, das spezifische Handlungsfelder (Konfirmandenarbeit, Jugendarbeit, Erwachsenenbildung) bezeichnet, und einem dimensionalen Verständnis, das alle kirchliche Arbeit als Lernraum begreift. Gemeindepädagogik ermöglicht generationenübergreifende, interkulturelle und interreligiöse Lernprozesse und soll die frühere isolierte Versäulung der Gemeindearbeit durch Integration überwinden.