Henrik Simojoki analysiert die historische Entwicklung des interreligiösen Lernens in Deutschland im Kontext von Globalisierungsprozessen. Der Artikel zeigt, dass die Beschäftigung mit anderen Religionen bereits seit dem Ersten Weltkrieg mit globalen Perspektiven verknüpft ist, zunächst jedoch von nationalistischen Motiven geprägt war. Nach einer Phase der Vernachlässigung gewann das Thema in den 1960er Jahren erneut an Bedeutung, zunächst unter dem Stichwort der "Weltreligionen" im Unterricht, dann aber durch die konkrete Erfahrung religiöser Pluralität durch Migrationsbewegungen. Johannes Lähnemann entwickelte ein Konzept, das interreligiöses Lernen als Beitrag zum globalen Weltethos und Religionsfrieden verstand. Der Artikel kritisiert, dass lange Zeit nur die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Globalisierung beachtet wurden, nicht aber die Religionen selbst. Simojoki plädiert deshalb für eine stärkere Integration von Globalisierungstheorien, besonders des Konzepts der "Glokalisierung" von Roland Robertson, um die räumliche Mehrbezüglichkeit und intensive Verflechtung religiöser Räume in der modernen Welt zu verstehen. Diese Perspektive erlaubt es, sowohl extensive (Ausbreitung) als auch intensive (Überlagerung und Vermischung) Dimensionen religiöser Globalisierung zu erfassen. Damit werden neue Parameter für das interreligiöse Lernen erkennbar, die sowohl den Lerngegenstand als auch die Subjektivität der Lernenden betreffen und die traditionalistische Dichotomie von Säkularisierung oder Individualisierung überwinden.