Der Artikel von Doron Kiesel analysiert die Entwicklung der migrationspädagogischen Diskurse in der Bundesrepublik Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Die zentrale Frage wird dabei nicht länger gestellt, ob Deutschland eine multikulturelle Gesellschaft ist, sondern wie ein liberales, demokratisches Verständnis von Nation realisiert werden kann, das Einwandernde und Angehörige der Mehrheitsgesellschaft mit gleichen Rechten ausstattet. In den 1970er Jahren konzentrierte sich die Ausländerpädagogik primär auf Sprachförderung und Defizitausgleich, wobei assimilatorische und kompensatorische Erziehungsziele im Vordergrund standen. Der Autor kritisiert reflektierend, dass die Interkulturelle Pädagogik durch ihre Fokussierung auf kulturelle Unterschiede selbst zur Produktion ethnischer Typisierungen und möglicher Ausgrenzungen beitragen könnte. Er argumentiert, dass echte soziale Integration nur durch die Anerkennung von Handlungsspielraum, gleichen politischen Gestaltungsrechten und der Möglichkeit zur reflexiven Partizipation am öffentlichen Diskurs ermöglicht wird. Multikulturalität wird nicht als Reorganisation nationaler Identitäten, sondern als Zugeständnis der Entfaltungsfreiheit für Einwandernde verstanden. Die erziehungswissenschaftliche Aufgabe besteht darin, sowohl die Akzeptanz vielfältiger Lebensformen als auch universalistische moralische Prinzipien zu vermitteln. Das Bildungssystem fungiert dabei als Seismograph für gesellschaftliche Veränderungen, während zivilgesellschaftliche Initiativen ab den 1970er Jahren Integrationsprozesse begleiteten.