Der Artikel von Jörg Winter analysiert das Verhältnis von Kirche und Staat aus biblischer, katholischer und protestantischer Perspektive. Biblisch wird eine mittlere Position zwischen genereller Obrigkeitsablehnung und unkritischer Akzeptanz vertreten, wie Jesu Aussage zum Zinsgroschen und Römer 13 zeigen. In der katholischen Tradition wird zunächst das Modell zweier souveräner Gewalten entwickelt, das im Mittelalter zur kirchlichen Überordnung führte, in der Neuzeit durch Papst Leo XIII. zur Anerkennung zwei autonomer Gesellschaften mit eigenständigen Rechtskreisen führte. Das Zweite Vatikanische Konzil bewirkt einen paradigmatischen Wechsel von institutioneller Abgrenzung zu funktioneller Zuordnung in pluralistischer Gesellschaft und bekennt sich zur Religionsfreiheit und Demokratie. Der Protestantismus entwickelt mit Luthers Zwei-Reiche-Lehre ein Modell grundsätzlicher Unterscheidung mit passivem Widerstandsrecht bei Gewissensfragen, während die reformierte Theologie die christliche Mitgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse unter der Königsherrschaft Christi betont. Die Barmer Theologische Erklärung von 1934 vermittelt zwischen diesen Traditionen und betont Christi Herrschaft über alle Lebensbereiche gegen totalitäre Ansprüche.