Friedrich Niebergall (1866–1932) war ein evangelischer Praktischer Theologe und Religionspädagoge, der die Entwicklung der Religionspädagogik als eigenständige akademische Disziplin nachhaltig geprägt hat. Nach seinem Studium in Tübingen, Berlin und Bonn war er zunächst als Pfarrer in der Pfalz tätig, bevor er 1903 in Heidelberg habilitierte und 1908 zum außerordentlichen Professor ernannt wurde. Sein disziplingeschichtliches Verdienst liegt in der theoretischen und praktischen Transformation der traditionellen Katechetik zur modernen Religionspädagogik, die er als eine auf religionswissenschaftlicher und religionspsychologischer Grundlage basierende Lehre der kirchlichen Gemeindeerziehung verstand. Niebergall war Mitbegründer des "Bundes für die Reform des Religionsunterrichts" und trug entscheidend zu den zeitgenössischen Debatten über die Lehrbarkeit der Religion bei, wobei er eine praktische Exegese und eine Ausrichtung am modernen Menschen forderte. Seine bedeutendsten Werke sind das zweibändige Lehrbuch der Praktischen Theologie (1918/19) und die Religionspädagogik (1924), in denen er sein Programm einer pädagogischen Dimensionierung aller praktisch-theologischen Handlungsfelder entwickelte. An der Universität Marburg, wohin er 1922 berufen wurde, fand Niebergall trotz seiner wissenschaftlichen Bedeutung unter Kollegen wie Rudolf Otto, Rudolf Bultmann und Paul Tillich wenig intellektuelle Resonanz, da seine liberale, religionswissenschaftliche Orientierung in Konflikt mit dialektischen und anderen modernen theologischen Ansätzen stand. Sein Werk "Im Kampf um den Geist" (1927) stellt einen umfassenden Ausdruck seiner zeitdiagnostischen Anliegen dar, den modernen Menschen in seiner Entfremdung vom Christentum zu verstehen. Neuere Forschungen untersuchen seine Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte in Fachdiskursen und in der Pfarrer- sowie Lehrerbildung, wobei auch kontinuitätsgeschichtliche Perspektiven aufgezeigt werden, die die innovativen Ansprüche der neuen Disziplin relativieren.