Der Artikel von Naciye Kamcili-Yildiz analysiert die religiöse Erziehung im Islam aus einer wissenschaftlich-pädagogischen Perspektive. Die Familie wird als grundlegende Institution für die frühe religiöse Sozialisation verstanden, wobei Eltern die Verantwortung für die Glaubensvermittlung tragen. Der arabische Begriff tarbīya beschreibt Erziehung als lebenslangen Entwicklungsprozess, der Wachstum, Pflege und moralische Bildung umfasst. Die theologischen Grundlagen entstammen dem Koran und der Sunna des Propheten Muhammad, wobei die Luqmān-Passage (31:13-19) als zentraler Referenzrahmen für religiöse Erziehungsnormen dient. Diese legen Wert auf die Anerkennung der Einheit Gottes, Elternehrerbietung, gute Werke, rituelles Gebet und bescheidenes Verhalten. Die traditionelle islamische Erziehung entwickelte positive Werte wie Familiensinn, Solidarität und Respekt, steht jedoch in der modernen säkularen Gesellschaft vor Herausforderungen hinsichtlich der Balance zwischen religiöser Verbindlichkeit und individueller Freiheit. Der Prophet Muhammad teilte die Kindheit in Entwicklungsphasen ein (0-2 Jahre, 2-7 Jahre, 7-10 Jahre und Geschlechtsreife), in denen unterschiedliche religiöse Elemente vermittelt werden sollen. Vorpädagogische Rituale wie Taḥnik, ʿAqīqa, Beschneidung und Namensgebung fungieren als religiöse Aufnahmeriten in die Gemeinschaft. Die Namensgebung ist dabei nicht nur ästhetisch, sondern theologisch bedeutsam, da Namen als charaktersprägend und identitätsstiftend verstanden werden. Der Artikel thematisiert auch geschlechtsspezifische Unterschiede in der Erziehungspraxis und verweist auf Spannungen zwischen normativen Quellen und gelebter Praxis in muslimischen Gesellschaften.