Der Artikel von Joachim Willems untersucht den Religionsunterricht orthodox geprägter Tradition in Russland in historischer Perspektive. Russland war seit der Christianisierung 988 von Orthodoxie geprägt, war aber von Beginn an multireligiös, besonders nach territorialen Expansionen. Bis ins 18. Jahrhundert war institutionalisierte Bildung an die Kirche gebunden; erst unter Peter dem Großen entstand ein weltliches Bildungswesen, das Theologie bewusst ausschloss. Die Sowjetunion verbot 1918 jeglichen Religionsunterricht und etablierte atheistische Ideologie als Staatsreligion; religiöse Erziehung war nur noch privat möglich. Nach der Perestrojka seit den 1980er Jahren und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 führte die neue Russische Föderation pluralistische Bildungsgesetze ein. Das Religionsgesetz 1990 erlaubte religionskundlichen, nicht aber konfessionellen Unterricht an staatlichen Schulen, wobei diese Regelung widersprüchlich blieb. In den 1990er Jahren entstand eine gesellschaftliche Debatte zwischen Befürwortern konfessioneller Wahlfächer (besonders die orthodoxe Kirche), Verfechtern religionskundlicher Fächer und Gegnern aller Religionsthematisierung. Die Begründungen bezogen sich auf Wertevermittlung, Moralstärkung, Patriotismus und kulturelle Identität. Zentral bleibt die unterschiedliche Auslegung des Säkularitätsprinzips zwischen strikter französischer Trennung und deutscher Kooperationsmodell.