Das Judentum versteht Lernen traditionell als religiösen Akt innerhalb der Lerngemeinschaft, der sich auf die Tora konzentriert. Während der Autonomie jüdischer Gemeinden im Mittelalter und der Landjudenschaften in der Neuzeit konnte dieses Ideal des Lernens als tora lischma durch Institutionen wie Cheder und Jeschiwa verwirklicht werden. Mit der jüdischen Aufklärung (Haskala) Ende des 18. Jahrhunderts wandelte sich jüdisches Lernen grundlegend: Es musste nun nach innen auf die Tradition und nach außen auf Integration in die christlich-bürgerliche Gesellschaft ausgerichtet sein. Dies führte zur Entstehung des modernen jüdischen Religionsunterrichts als Schulfach, das sich am protestantischen Modell orientierte und traditionelle Inhalte auf vermeintliche Wesensgehalte reduzierte. Diese Doppelausrichtung blieb in den verschiedenen Strömungen des deutschen Judentums (liberal, konservativ, neo-orthodox) umstritten. Die Wiedergründung jüdischer Gemeinden nach der Schoa markierte einen völligen Neuanfang: Der Optimismus der Integration war zerbrochen, und die osteuropäischen Displaced Persons brachten andere Erfahrungen mit. Der Religionsunterricht wurde neu primär nach innen ausgerichtet, verlor aber die Verbindung zur Lebenswelt der Schüler. Erst seit den 1990er Jahren führten gesellschaftliche Veränderungen (Öffnung des Judentums, Zuwanderung russischsprachiger Juden, religiöse Pluralisierung der Gesellschaft) zu einer echten Neujustierung. Kultusministerien und jüdische Organisationen entwickelten kompetenzorientierte Lehrpläne, und damit wurde eine formale Gleichstellung des jüdischen Religionsunterrichts mit anderen Religionsunterrichten an öffentlichen Schulen möglich, obwohl die rechtliche Grundlage bereits seit 1919 vorhanden war.