Der Artikel verfolgt die Säkularisierung des deutschen Schulsystems von seinen Ursprüngen in mittelalterlichen Kloster- und Domschulen bis zur neuzeitlichen Verstaatlichung. Ausgehend von der Monopolstellung kirchlicher Bildungsangebote beschreibt die Autorin, wie mit der Entstehung von Stadt- und Ratsschulen im 16./17. Jahrhundert erste Tendenzen zur Entflechtung von Kirche und Schule entstanden, obwohl die kirchliche Kontrolle inhaltlich-didaktisch zunächst erhalten blieb. Die Aufklärung und die Ideale des Humanismus beschleunigten diesen Säkularisierungsprozess, indem sie den Menschen als autonomes, vernunftbegabtes Wesen verstanden, dem Bildung zur Mündigkeit vermittelt werden sollte. Wilhelm von Humboldt spielte eine Schlüsselrolle bei der Integration aufklärerischer Bildungsideale in die preußische Schulverwaltung, etwa durch die Einführung staatlicher Lehrerprüfungen und die Entfernung von Theologie aus dem Gymnasiallehrplan. Allerdings zeigt sich, dass die staatliche Regulierung graduelle Verdichte, während die ursprünglichen Aufklärungsideale im administrativen Vollzug verloren gingen. Die Industrialisierung und Verstädterung des 18./19. Jahrhunderts veränderten auch die Funktionen des öffentlichen Schulsystems, das zunehmend Integrationsfunktionen für die stark wachsenden und sozial fragmentierten Bevölkerungen übernahm. Der Staat musste dabei kontinuierliche Auseinandersetzungen mit Kirchen und anderen Interessengruppen austragen, die ihre Mitspracherechte in Bildungsfragen bewahren wollten. Erst in der Weimarer Zeit erwachten neue Hoffnungen auf eine humanistischere Schulgesetzgebung, die wieder stärker freheitliche Werte und Vereinheitlichung des Schulsystems anstrebte.