Andrea Bieler analysiert in ihrem Artikel Vulnerabilität als grundlegende Dimension menschlichen Daseins, die sowohl destruktive als auch transformative Potenziale birgt. Sie entwickelt ein differenziertes Analysemodell mit fünf Dimensionen: Die Vulneranz beschreibt die Fähigkeit, andere willentlich oder unwillentlich zu verletzen, beispielsweise durch systematische Entmenschlichung in Genociden oder durch Militarisierung der Weltwahrnehmung. Die pathische Dimension bezieht sich auf Widerfahrnisse, die sich dem eigenen Willen entziehen, wie Krankheit oder sexuelle Gewalt, die gravierende Langzeitfolgen für die psychosoziale Entwicklung haben können. Der Möglichkeitssinn der Vulnerabilität verweist auf potenzielle Gefährdungen wie Klimakrise und zugleich auf kreative Potenziale des Engagements, wie in der Fridays-for-Future-Bewegung sichtbar wird. Besonders hervorzuheben ist das Verletzlichkeitsparadoxon: Schutzmaßnahmen können selbst zu Verletzungen führen, wie beim Umgang mit Geflüchteten während der COVID-19-Pandemie. Der Artikel identifiziert zentrale religionspädagogische Herausforderungen: die Vermittlung komplexer Gewaltthemen ohne Abwehr zu bewirken, die Unterstützung von Kindern und Jugendlichen bei der Bewältigung von Traumata, die Förderung von Resilienz ohne die strukturellen Ursachen von Vulnerabilität zu ignorieren, sowie die Begleitung des Engagements für eine lebenswerte Zukunft angesichts existenzieller Bedrohungen.