Der Artikel versammelt verschiedene Sozialgesetze aus dem Buch Deuteronomium. Gemeinsam ist diesen Bestimmungen die Vorstellung, dass Menschen Verantwortung füreinander tragen. Der Glaube an Gott zeigt sich deshalb nicht nur in religiösen Handlungen, sondern auch darin, wie Menschen mit Armen, Fremden, Waisen, Witwen, Schuldnern, Abhängigen und anderen Schutzbedürftigen umgehen. Schon der Titel macht deutlich, dass Not nicht einfach ignoriert werden darf. Wer die Not eines anderen Menschen wahrnimmt, trägt Verantwortung und soll handeln.
Ein erstes Beispiel ist der Zehnt. In jedem dritten Jahr soll ein Teil der Ernte gesammelt und in den Städten eingelagert werden. Davon sollen insbesondere Leviten, Fremde, Waisen und Witwen leben können. Der Zehnt erhält dadurch eine soziale Funktion. Er dient nicht allein religiösen Zwecken, sondern ermöglicht eine Versorgung von Menschen, die wirtschaftlich besonders gefährdet sind. Die soziale Verantwortung wird dabei mit dem Segen Gottes verbunden. Wer seinen Besitz mit Bedürftigen teilt, darf auf Gottes Segen für seine Arbeit hoffen.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Erlassjahr. In jedem siebten Jahr sollen Forderungen gegenüber Angehörigen des eigenen Volkes ruhen. Gläubiger dürfen nicht mit Zwang gegen verschuldete Menschen vorgehen. Damit soll verhindert werden, dass wirtschaftliche Verschuldung dauerhaft in Abhängigkeit und Unfreiheit führt. Der Text unterscheidet allerdings zwischen Angehörigen Israels und Ausländern. Gegenüber Ausländern gelten andere Regeln. Diese Unterscheidung kann aus heutiger Perspektive kritisch betrachtet werden, weil der soziale Schutz nicht allen Menschen in gleicher Weise gewährt wird.
Das Erlassjahr betrifft auch Menschen, die sich aufgrund ihrer wirtschaftlichen Situation in Sklaverei begeben mussten. Ein Hebräer oder eine Hebräerin soll sechs Jahre dienen und im siebten Jahr freigelassen werden. Die betreffende Person soll bei ihrer Freilassung jedoch nicht mit leeren Händen fortgeschickt werden. Sie soll Tiere und Erzeugnisse erhalten, damit sie nach der Zeit der Abhängigkeit eine neue wirtschaftliche Existenz aufbauen kann. Freiheit bedeutet somit mehr als die bloße Beendigung der Sklaverei. Sie verlangt auch die Schaffung von Voraussetzungen für ein selbstständiges Leben.
Die Begründung dieser Regelung liegt in der Erinnerung Israels an die eigene Geschichte. Israel war selbst in Ägypten versklavt und wurde von Gott befreit. Diese Befreiungserfahrung wird zur Grundlage einer sozialen Verpflichtung. Weil Gott das Volk aus der Sklaverei geführt hat, soll Israel anderen Menschen Freiheit ermöglichen. Die Erinnerung an das eigene Leid soll verhindern, dass ehemals Unterdrückte selbst zu Unterdrückern werden.
Der Artikel beschreibt außerdem das Ideal einer umfassenden Solidargemeinschaft. Eigentlich sollte es im Land keine armen Menschen geben. Gottes Segen soll allen ein gutes Leben ermöglichen. Gleichzeitig erkennt der Text an, dass Armut in der Realität weiterhin vorhanden sein wird. Deshalb entsteht eine dauerhafte Verpflichtung zur Unterstützung Bedürftiger. Wer einem armen Menschen begegnet, soll nicht hartherzig reagieren und seine Hand verschließen. Stattdessen soll er helfen und das geben, was zur Überwindung der konkreten Not erforderlich ist.
Bemerkenswert ist, dass wirtschaftliche Überlegungen nicht als Rechtfertigung für unterlassene Hilfe gelten sollen. Auch wenn das Erlassjahr kurz bevorsteht und ein Gläubiger befürchten muss, sein verliehenes Vermögen nicht zurückzuerhalten, darf er einem Bedürftigen seine Unterstützung nicht verweigern. Das Wohl des Menschen steht damit über dem Versuch, den eigenen wirtschaftlichen Vorteil vollständig zu sichern. Großzügigkeit und Solidarität werden ausdrücklich mit dem Segen Gottes verbunden.
Ein weiterer Bereich betrifft die Rechtsprechung. In den Städten sollen Richter eingesetzt werden, die gerechte Urteile fällen. Sie dürfen das Recht nicht beugen, niemanden aufgrund seiner Person bevorzugen und keine Bestechung annehmen. Gerechtigkeit wird zu einem grundlegenden Auftrag der Gemeinschaft. Damit zeigt der Text, dass soziale Gerechtigkeit nicht allein von persönlicher Hilfsbereitschaft abhängt. Auch gesellschaftliche Einrichtungen und die Rechtsprechung müssen gerecht gestaltet sein.
Selbst für den Kriegsfall nennt das Deuteronomium Grenzen menschlicher Zerstörung. Bei der Belagerung einer Stadt sollen die Bäume nicht vernichtet werden. Damit wird der vollständigen Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen eine Grenze gesetzt. Auch in einer Situation des Krieges darf der Mensch nicht uneingeschränkt über die Natur verfügen.
Besonders anschaulich wird die Forderung nach Verantwortung in einem Beispiel aus dem Alltag. Wenn ein Esel oder Ochse eines anderen Menschen auf dem Weg zusammenbricht, darf man nicht einfach wegsehen. Man soll dem Besitzer helfen, das Tier wieder aufzurichten. Der Titel des Artikels fasst diese Haltung zusammen. Menschen dürfen nicht so handeln, als ginge sie die Not anderer nichts an. Solidarität bedeutet deshalb konkrete Hilfe und nicht nur eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber anderen.
Der Artikel führt außerdem eine Vorschrift zur Kleidung von Frauen und Männern an. Frauen sollen keine Ausrüstung von Männern und Männer keine Frauenkleidung tragen. Der Text ordnet diese Bestimmung dem Respekt vor dem eigenen Geschlecht und dem Geschlecht anderer zu. Für den heutigen Religionsunterricht bietet diese Regelung zugleich Anlass zur kritischen Auseinandersetzung mit historischen Geschlechtervorstellungen und der Frage, wie zeitgebundene biblische Vorschriften heute verstanden werden können.
Auch der Umgang mit der Natur wird geregelt. Wenn jemand ein Vogelnest mit einer Mutter und ihren Jungen oder Eiern findet, soll die Mutter nicht zusammen mit dem Nachwuchs genommen werden. Sie soll freigelassen werden. Der Text verbindet diese Vorschrift mit Wohlergehen und langem Leben. Dahinter steht die Vorstellung, natürliche Lebensgrundlagen nicht vollständig auszubeuten und die Fortpflanzung der Tiere zu ermöglichen.
Eine bemerkenswert weitreichende soziale Regel betrifft Menschen, die Schutz suchen. Ein fremder Untertan, der vor seinem Herrn flieht, darf nicht ausgeliefert werden. Er soll innerhalb der Gemeinschaft wohnen dürfen und seinen Aufenthaltsort selbst wählen können. Außerdem darf er nicht ausgebeutet werden. Der Text formuliert damit einen besonderen Schutz für einen Menschen, der aus einem Abhängigkeitsverhältnis geflohen ist.
Das Deuteronomium begrenzt außerdem wirtschaftliche Ausbeutung durch ein Zinsverbot gegenüber anderen Israeliten. Wer einem Angehörigen des eigenen Volkes Geld, Getreide oder andere Güter leiht, darf dafür keine Zinsen verlangen. Auch hier steht die Vermeidung zusätzlicher wirtschaftlicher Belastungen im Mittelpunkt.
Ein besonderes Anliegen ist der Schutz dessen, was ein Mensch unbedingt zum Leben benötigt. Eine Handmühle oder ein Mühlstein darf nicht als Pfand genommen werden, weil damit sinngemäß das Leben selbst zum Pfand gemacht würde. Ebenso dürfen die Rechte von Fremden und Waisen nicht verletzt werden. Das Kleid einer Witwe darf ebenfalls nicht als Pfand genommen werden. Wirtschaftliche Ansprüche erhalten damit Grenzen, sobald die Lebensgrundlage eines Menschen gefährdet wird.
Auch bei der Ernte sollen wirtschaftlich schwache Menschen berücksichtigt werden. Wenn eine Garbe auf dem Feld vergessen wurde, soll der Besitzer nicht zurückkehren und sie holen. Sie soll Fremden, Waisen und Witwen zur Verfügung stehen. Dasselbe Prinzip gilt für Olivenbäume. Nach der Ernte soll nicht jeder verbleibende Ertrag eingesammelt werden. Ein Teil bleibt bewusst für Bedürftige zurück. Eigentum wird damit nicht als uneingeschränktes Recht verstanden, sondern mit einer sozialen Verpflichtung verbunden.
Am Ende wird auch der Schutz von Nutztieren berücksichtigt. Einem Ochsen soll während des Dreschens kein Maulkorb angelegt werden. Das arbeitende Tier soll also von dem Ertrag fressen können, an dessen Gewinnung es beteiligt ist. Damit erstreckt sich die soziale und ethische Verantwortung des Menschen auch auf Tiere.
Für den Religionsunterricht zeigt der Artikel, dass die Sozialgesetze des Deuteronomiums den Glauben an Gott eng mit konkretem gesellschaftlichem Handeln verbinden. Lernende können erkennen, dass Gerechtigkeit in diesen Texten nicht nur eine persönliche Tugend ist. Sie betrifft Wirtschaft, Rechtsprechung, Armut, Verschuldung, Flucht, Eigentum, Natur und den Umgang mit Tieren. Gleichzeitig können Lernende kritisch untersuchen, welche Vorschriften bis heute überzeugende ethische Impulse bieten und welche Bestimmungen aufgrund ihres historischen Kontextes kritisch betrachtet werden müssen. Besonders zentral ist die Vorstellung, dass Menschen aufgrund der eigenen Erfahrung von Gottes Befreiung dazu verpflichtet sind, Not wahrzunehmen, Schwache zu schützen und Verantwortung für andere zu übernehmen.